Franz von Assisi ist ein unbequemer Heiliger. Völlige Armut bis zur Bettelei, Gehorsam, absolute Hingabe an Gott. Von Anfang an verlangte er seinen Anhängern viel ab. Und Millionen verehren ihn bis heute - Kathpress-Korrespondentenbericht von Sabine Kleyboldt
Assisi, 11.09.2026 (KAP) Dem reichen Vater die prunkvollen Kleider vor die Füße werfen, predigend und bettelnd durch die Lande ziehen, sich um Arme und Aussätzige kümmern, mitten im Kreuzzug vor den Sultan treten: Franz von Assisi machte bei der Nachfolge Christi keine halben Sachen. 800 Jahre nach seinem Tod am 3. Oktober 1226 boomt sein Geburts- und Sterbeort in Mittelitalien. Franziskus selbst braucht kein Revival, denn er ist eine der populärsten Symbolfiguren für Frieden, Gerechtigkeit und Umweltschutz - beileibe nicht nur für Christen.
Das Time Magazine machte den als Giovanni Pietro di Bertone 1181 oder 1182 geborenen Sohn eines Tuchhändlers, der ihm den Rufnamen "Francesco" gab, zur Person des zweiten Jahrtausends - vor Größen wie Michelangelo, Shakespeare, Mozart. Seinen berühmten "Sonnengesang", ein Lobpreis auf die Schöpfung, dichtete der Ordensgründer am Ende seines nur etwa 44-jährigen Lebens. Da war der "Poverello", der "kleine Arme" mit der großen Botschaft, schon schwerkrank und ausgezehrt von Jahrzehnten der Wanderschaft und Entbehrung.
Für seine zahllosen Anhänger und Anhängerinnen war der Mann, der 1224 die Stigmata, also die Wundmale Christi empfangen haben soll, da längst ein Heiliger. Kaum zwei Jahre nach seinem Tod wurde der Schutzpatron der Tiere und der Natur, der alle Menschen mit den Worten "Pace e Bene" (Frieden und Heil) grüßte, offiziell vom Papst heiliggesprochen.
Hofnarr Gottes
Für den Theologen und Kunsthistoriker Markus Hofer lässt sich das Leben des "Hofnarren Gottes" in keine Schublade stecken. "Es eckt an und reißt in seinen Extremen mit", schreibt er in seiner Franziskus-Biografie (Tyrolia 2026). "Bittere Armut trifft auf überschwänglich-naive Fröhlichkeit, harte Ablehnung auf bedingungslose Anhängerschaft."
Begonnen hatte Franziskus sein Leben als verwöhnter Erbe aus reichem Handelshaus. Statt Ruhm als Ritter zu erlangen, geriet er mit Anfang 20 im Städtekrieg mit Perugia in Gefangenschaft und war lange krank. 1205 wollte Franziskus dem Aufruf des Papstes zum Kreuzzug folgen, doch ließ ihn eine Traumvision umkehren.
Für den einstigen Lebemann begann ein quälender Wandlungsprozess. Beim Gebet im Kirchlein San Damiano schien der Gekreuzigte zu ihm zu sprechen: "Franziskus, siehst du nicht, dass meine Kirche verfallen ist? Bau sie wieder auf." Diesen Auftrag sollte der Mann mit der eher schwachen Konstitution erfüllen - sowohl durch die Restaurierung maroder Kapellen als auch im übertragenen Sinn zugunsten der damals angeschlagenen Institution Kirche.
Meister der Inszenierung
Zugleich war er zeitlebens ein Meister der Inszenierung. Es muss spektakulär gewirkt haben, als er sich auf dem zentralen Platz in Assisi seiner teuren Gewänder entledigte, sie dem Vater vor die Füße schleuderte und mit großer Geste auf sein Erbe verzichtete. Der Bischof warf dem Entblößten seinen schützenden Mantel über.
Franziskus hüllte sich in die schlechtesten Lumpen, nährte sich von erbettelten Speisen, schlief auf dem bloßen Boden und tat, wovor ihn zutiefst geekelt hatte: Er berührte und pflegte die vielen Leprakranken.
In seiner Vaterstadt galt der Aussteiger als Verrückter. Doch bald schlossen sich dem inspirierenden Prediger die ersten Gefährten an. Sein ansteckender Enthusiasmus für Christus und die Vision von Liebe, Frieden und Brüderlichkeit wogen Schmähungen und Entbehrungen auf.
Als die Bewegung sich weit über Mittelitalien hinaus auszudehnen begann, musste ein Platz in der Kirchenverfassung her - auch, weil reformerische Bewegungen im 13. Jahrhundert schnell ins Fadenkreuz der Inquisition gerieten. In Rom gelang es Franziskus, den Papst zu gewinnen, der die Lebensform der Brüder zunächst mündlich, später offiziell bestätigte.
Es war nicht Franziskus' Ziel, einen Orden zu gründen, dessen Leitung er auch 1220 weitergab; dennoch taugt er nicht als Kirchenreformer im neuzeitlichen Sinne, denn er blieb der Institution treu.
Mittelalterlicher Influencer
Fast revolutionär war jedoch das Naturverständnis des mittelalterlichen "Influencers", frei nach der von Albert Schweitzer Jahrhunderte später propagierten "Ehrfurcht vor dem Leben". Doch anders, als es manche der zahllosen in Filmen oder Büchern erzählten Legenden wollen, war auch hier an Franz von Assisi nichts Romantisches.
Für manche ist Franziskus zudem ein Pionier des interreligiösen Dialogs. Seine Orientreise im Herbst 1219, um bei Sultan Al-Malik al-Kamil im Kreuzzug zu vermitteln, war wiederum eine aufsehenerregende Mischung aus Mut und Irrsinn.
Der Sultan, einer der gebildetsten und bedeutendsten islamischen Herrscher seiner Zeit, soll den Ordensmann im Lager der Sarazenen im ägyptischen Nildelta von Damiette mehrere Tage lang angehört haben. Erreichen konnte Franziskus dennoch nichts. Immerhin ließ ihn der höfliche Herrscher unter Waffenschutz zurück ins christliche Heerlager bringen. Später gewährte er Pilgern freien Zutritt der heiligen Stätten.
Nackt in den Tod
Auch wenn es sich bei der späteren heroischen Ausformung - von der bestandenen Feuerprobe bis hin zur heimlichen Bekehrung des Sultans - um Legenden handelt, ist das Ereignis doch bemerkenswert. Auf den berühmten Wandgemälden der Franziskus-Basilika in Assisis Oberstadt tritt er dem muslimischen Herrscher mit Respekt und "auf Augenhöhe" entgegen - beileibe nicht Usus der damaligen Zeit. Assisis Ruf als Symbol des Weltfriedens und interreligiösen Dialogs festigte Papst Johannes Paul II. (1978-2005), indem er 1986 dort das Friedensgebet der Weltreligionen ins Leben rief.
Franziskus' nahender Tod im Herbst 1226 sollte dann die letzte Inszenierung werden: Er ließ sich zur Portiuncula-Kapelle bringen, über der heute die riesige Basilika Santa Maria degli Angeli in Assisis Unterstadt aufragt. Nackt auf dem nackten Boden wollte er sterben, bestreut mit Asche als Symbol der Vergänglichkeit. Der schon Erblindete ließ alle Gefährten zu sich rufen, um jeden zu segnen. Franziskus starb am Abend des 3. Oktober in der kleinen Kapelle.
Bis heute zieht er jährlich rund fünf Millionen Besucher nach Assisi, im Jubiläumsjahr sicher noch mehr. Zehntausende Ordensleute und viele Menschen ohne religiöse Bindung berufen sich auf ihn. Für Markus Hofer ist Franziskus ein "menschliches Gesamtkunstwerk", in dem Liebe, Entbehrung, Poesie und Radikalität, Vollendung und Versagen einander ergänzen. "Deshalb", so der Autor, "ist man nie mit ihm fertig."