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Tagung: Armenische Kirche vor vielfältigen Herausforderungen

24.09.2026 13:56
Österreich/Armenien/Syrien/Türkei/Kirche/Konflikte/Kultur/Armenisches.Christentum/Tagung/ICO
Jüngste Tagung der "Initiative Christlicher Orient" gab Um- und Einblicke in die Lage der Armenischen Kirche im Nahen Osten und in Armenien selbst
Salzburg, 24.09.2026 (KAP) Das armenische Christentum im Nahen Osten kann auf eine große Vergangenheit verweisen, sieht sich mit einer schwierigen Gegenwart konfrontiert und hofft auf eine bessere Zukunft. Das war der Tenor der jüngsten Jahrestagung der österreichischen Hilfsorganisation "Initiative Christlicher Orient" (ICO) in Salzburg. Der Wiener armenisch-apostolische Bischof Tiran Petrosyan wies dabei einmal mehr in einer Podiumsdiskussion die in westlichen Medien verbreitete Darstellung zurück, dass die Kirchenleitung in Armenien gleichsam eine Vorfeldorganisation Russlands sei. Kein gutes Haar ließ er zugleich an der aktuellen armenischen Regierung, die sich u.a. die Absetzung des armenischen Kirchenoberhaupts als politische Agenda verordnet habe.

Die Armenier dürfen von sich behaupten, das älteste christliche Staatsvolk der Welt zu sein. Heute zählen rund zehn Millionen Gläubige weltweit zur Armenisch-apostolischen Kirche. Oberhaupt der Kirche ist der Katholikos-Patriarch von Etschmiadzin; derzeit Karekin II. Der Sitz des Patriarchen befindet sich in unmittelbarer Nähe der armenischen Hauptstadt Jerewan.

Neben dem Katholikosat von Etschmiadzin, zu dem etwas mehr als 40 Diözesen in Armenien, Europa, Amerika, Afrika, Asien und Australien gehören, gibt es noch das Katholikosat von Kilikien mit zehn Diözesen. Der Sitz des Katholikos von Kilikien befindet sich im Libanon. Dazu kommen die zwei Patriarchate von Jerusalem und Konstantinopel. In Österreich leben bis zu 7.000 armenische Christinnen und Christen, davon ca. 3.000 in Wien. Kleine armenische Gemeinden gibt es neben Wien auch noch in Linz, Graz, Bregenz, Klagenfurt und Salzburg.

Armenier im Nahen Osten

Die Salzburger Armenologin Jasmine Dum-Tragut gab bei der ICO-Tagung einen Überblick über die Geschichte der Armenischen Kirche und ihrer Verbreitung im gesamten Nahen Osten. Bereits 301 wurde das Christentum in Armenien Staatsreligion und noch im 4. Jahrhundert setzte auch ein Zuzug von armenischen Mönchen und Pilgern ins Heilige Land ein. Die Armenier könnten auf eine große kirchliche und kulturell Geschichte verweisen, so Dum-Tragut. Sie betonte, dass sich die Kirche im Bereich der Bildung große Verdienst erworben hatte. So gab es etwa im Osmanischen Reich vor 1914 mehr als 1.000 armenische Schulen. Oft waren es diese Schulen, die als erste im Nahen Osten auch Mädchen offen standen.

Aktuell würden die Zahlen der armenischen Gläubigen aber in allen Nahost-Staaten zurückgehen. Für Israel bzw. Palästina sprach Dum-Tragut von 2.300 Armeniern, im Libanon gibt es noch zwischen 40.000 und 60.000 Gläubige, in Syrien laut Schätzungen noch 12.300 (vor 2011: 100.000), in Jordanien 3.000 und in der Türkei zwischen 60.000 und 80.000. Dazu kämen in der Türkei noch geschätzt bis zu 200.000 armenische Arbeitsmigranten, in der Mehrzahl Frauen. Eine zahlenmäßig noch schwieriger zu erfassende Gruppe seien die Krypto-Armenier. Hier wurden bei der Tagung Zahlen zwischen 100.000 und drei Millionen genannt. Gemeint sind Menschen, die ihren christlichen Glauben nicht öffentlich bekunden.

Der deutsche Experte Hayk Martirosyan berichtete von zahlreichen armenischen Kulturgütern in der Türkei, die verfallen würden. Viele Kirchen würden sich in einem sehr schlechten Zustand befinden. Aufwendig restaurierte touristische Hotspots wie die armenische Kathedrale in Diyarbakir oder die historische Kathedrale Surp Khatsch (Heiliges Kreuz) auf der Insel Akhtamar (Akdamar) im ostanatolischen Van-See seien Ausnahmen.

Große Probleme bereite der Armenischen Kirche in der Türkei, dass keine Geistlichen mehr ausgebildet werden dürfen und das Kirchenoberhaupt in der Türkei geboren sein muss. Schon bei der letzten Patriarchenwahl 2019 habe es so überhaupt nur mehr drei grundsätzlich mögliche Kandidaten gegeben.

Jerusalem: Armenier unter Druck

Auch die Situation der Armenier in Jerusalem war Thema der Tagung. Die Kirche vor Ort habe sowohl mit äußeren Bedrohungen als auch internen Konflikten zu kämpfen. Hassverbrechen gegen die Christen in der Stadt würden ständig zunehmen, stark davon betroffen seien die Armenier. Dazu komme, dass sich das Patriarch in einen windigen Immobiliendeal verwickelt sieht, der nun vor Gericht ausgetragen wird. Sollte das Patriarchat das Verfahren verlieren, dann würde rund ein Fünftel der Gesamtfläche des Armenischen Viertels verloren gehen.

Im armenischen Viertel in Jerusalem würden derzeit höchstens noch 1.000 Armenier leben. Noch unterhalte die Kirche vor Ort eine Schule mit 150 Schülerinnen und Schülern und ein Seminar mit 40 Priesteramtskandidaten aus aller Welt.

Sorge um Kulturerbe von Berg-Karabach

Bischof Petrosyan und Jasmin Dum-Tragut berichteten bei der Tagung auch über das bedrohte armenisch-christliche Kulturerbe in Berg-Karabach. Seit der Vertreibung der rund 100.000 Karabach-Armenier 2023 und der Rückeroberung des Gebiets durch Aserbaidschan würden zentrale Kulturgüter zerstört und Aserbaidschan versuche auch, die Geschichte von Berg-Karabach umzuschreiben und alle Spuren des armenischen Christentums auszulöschen. Für Aufsehen sorgte zuletzt etwa im April 2026 die Sprengung der armenisch-apostolischen Muttergotteskathedrale in Stepanakert, der früheren Hauptstadt von Berg-Karabach.

Unsichere Lage in Syrien

Die ICO-Tagung in Salzburg wurde gemeinsam mit der Salzburger "Pro Oriente"-Sektion und dem Zentrum zur Erforschung des christlichen Ostens an der Universität Salzburg (ZECO) veranstaltet. Den Hauptvortrag bei der Tagung hatte der armenisch-apostolische Bischof von Damaskus, Armash Nalbandian, gehalten. Er berichtete, dass die christliche Minderheit in Syrien derzeit nicht systematisch verfolgt und ihr kirchliches Leben frei gestalten kann. Doch die politische Lage in Syrien sei weiterhin sehr unsicher bzw. fühlten sich die Christen von der Politik ausgeschlossen und hätten kein Vertrauen in die neuen Machthaber. Auch die wirtschaftliche und humanitäre Lage im Land sei katastrophal. Die Frage sei, inwieweit alle Bevölkerungsgruppen von hoffentlich bald eintretenden wirtschaftlichen Besserungen profitieren könnten. Bischof Nalbandian rief dazu auf, die Christen trotz der schwierigen Lage vor Ort zu besuchen.

Bei einem weiteren Pressegespräch am Mittwoch in Wien räumte der Bischof ein, dass nicht nur die materiellen, sondern vor allem auch die seelischen Wunden Syriens nur sehr langsam heilen würden. Die Kirche werde ihr Möglichstes dazu beitragen, "dass die Menschen in Syrien wieder den Weg zueinander finden werden", so Bischof Nalbandian.

Armenische Vesper in Salzburg

Im Rahmen der Tagung fand auch eine armenische Liturgie im Bildungshaus St. Virgil statt, der u.a. die beiden Bischöfe Petrosyan und Nalbandian vorstanden. Weiters feierte der Salzburger Weihbischof Hansjörg Hofer mit den Tagungsteilnehmenden einen Gottesdienst. (Infos: www.christlicher-orient.at)
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