Gemäß Kirchenrecht muss er in fünf Jahren seinen Rücktritt als Kölner Erzbischof anbieten. Was will der viel kritisierte Kirchenmann bis dahin erreichen? - Hintergrundbericht von Kathpress-Korrespondentin Anita Hirschbeck
Köln, 08.08.2026 (KAP) An seinem Geburtstag beginnen für Kardinal Rainer Maria Woelki die voraussichtlich letzten fünf Jahre als Erzbischof von Köln. Am 18. August wird er 70 Jahre alt. Üblicherweise bieten Bischöfe zum 75. Geburtstag dem Papst ihren Rücktritt an. Für Woelki wird es das zweite Rücktrittsgesuch sein. Das erste hatte er im Zuge der Debatten um die Missbrauchsaufarbeitung in seiner Erzdiözese eingereicht. Papst Franziskus entschied nie darüber; die Sache versandete. Auch die Aufregung um Woelkis Missbrauchsaufarbeitung hat sich weitgehend gelegt; die juristischen Auseinandersetzungen im Nachgang sind beinahe erledigt.
Aber auch wegen anderer Themen geriet er in die Kritik, darunter der Umbau der Diözesanverwaltung, die Neuaufstellung des kirchlichen Multimediasenders domradio.de und die Vorgänge an der Kölner Hochschule für Katholische Theologie (KHKT). Der Kardinal selbst setzt auf die Verbreitung der christlichen Botschaft - vor allem unter jungen Menschen. Inspiration hierfür holt er sich im angelsächsischen Raum.
Ein Beispiel ist das Glaubensfest "Kommt und seht", das die Erzdiözese Köln in diesem Jahr zum zweiten Mal ausrichtete. In der Kölner Eventhalle X-Post ging es zwei Tage lang in Workshops und Vorträgen um die "Eucharistie als Quelle unserer Einheit". Unter anderen sprach der US-amerikanische Priester Peter Wojcik, der auf Instagram mehr als 120.000 Follower hat.
In einem Video ist zu sehen, wie Wojcik in der X-Post über die Bereitschaft redet, dem Heiligen Geist zu folgen. Auch Kardinal Woelki steht in einem Video auf der Bühne. "Bleib bei Jesus", sagt er an das Publikum gerichtet. Die Optik erinnert an amerikanische Konferenzformatewie etwa die Ted-Talks. Auf Werbe-Clips zu "Kommt und seht" sind viele jüngere Menschen zu sehen, die beten, singen, lachen. Laut Erzdiözese Köln waren in diesem Jahr 2.500 Teilnehmende vor Ort.
Inspiration aus der anglikanischen Kirche
Inspiration für das Format holte sich Woelki aus der anglikanischen Kirche. Im Frühjahr 2024 reiste er mit weiteren Diözesanverantwortlichen nach London. Laut der Erzdiözese Köln bestehen seitdem Beziehungen zum anglikanischen Bischof Ric Thorpe, der heute Erzbischof im australischen Melbourne ist, und dem Gregory Centre for Church Multiplication, einer Ausbildungsstätte für Gemeindegründungen.
Aus diesen Kontakten entstand zudem das Projekt "Church planting" (etwa: "Eine Kirche pflanzen") in der Erzdiözese Köln. Hier geht es um die Gründung neuer Gemeinden und laut Erzdiözese um ein missionarisches Kirchenverständnis. Multiprofessionelle Teams werden ausgesendet, um "neue Erfahrungsorte des Glaubens zu schaffen, an denen alles darauf ausgerichtet ist, dass Menschen Christus neu kennenlernen können".
Zumindest an einem Standort scheint das nicht geklappt zu haben. Die "Kölnische Rundschau" berichtet, dass das Projekt in der Gemeinde Sankt Pius in Köln-Zollstock vorzeitig ende. Im Gemeindebrief sei von "Konflikten und Verletzungen" die Rede. Gegenüber der Zeitung hätten sich die Verantwortlichen nur vage geäußert.
Glaubensfest, "Church Planting" und die umstrittene diözesaneigene Hochschule KHKT stehen für eine konservative theologische Ausrichtung der Erzdiözese Köln. Kritiker sehen darin eine Verengung des Profils.
Mitgliederschwund
Dem Kardinal jedenfalls geht es um Evangelisierung. Seine Gemeinden sollen die christliche Botschaft verbreiten und für die Kirche werben. Gleichzeitig kletterten in den vergangenen Jahren die Kirchenaustrittszahlen zeitweise auf nie gekannte Höhen. 2021, also auf dem Höhepunkt der Vertrauenskrise im Zuge der Missbrauchsaufarbeitung, erhöhte das Amtsgericht Köln wegen der hohen Nachfrage wiederholt die Zahl der Termine für Kirchenaustritte.
Der Mitgliederschwund macht sich auch finanziell bemerkbar. Der Erzdiözese Köln droht laut eigener Berechnung ein Defizit von bis zu 100 Millionen Euro bis 2030. Ausgaben werden daher in Zukunft anhand von vier strategischen Zielen bewertet, dazu gehören "Nachfolge leben" und "missionarisch Kirche sein".
Woelki selbst formuliert seine Strategie für die Zukunft der Erzdiözese in einer Pressemitteilung so: "Wir haben Sehnsucht nach einer Kirche im Aufbruch und Wachstum. Sehnsucht nach einer Kirche, in der wir aus der Eucharistie und der Heiligen Schrift gemeinsam leben und glauben. In der wir als missionarische Jüngerinnen und Jünger Menschen mit Jesus Christus in Kontakt bringen. Sehnsucht nach einer dienenden Kirche für die Menschen am Rande." In den kommenden fünf Jahren dürfte sich der Kardinal dafür einsetzen.