226 Organisationen fordern in Erklärung Stopp militärischer Nutzung - Unterzeichner wollen verhinden, dass Entscheidungen über Leben und Tod zunehmend auf maschinelle Empfehlungen reduziert und menschliche Sorgfaltspflichten faktisch ausgehöhlt werden
Genf, 17.06.2026 (KAP) Staaten und Technologieunternehmen sollen künstliche Intelligenz (KI) nicht länger für militärische Zwecke in der sogenannten "Tötungskette" bereitstellen: Das fordern 226 Unterzeichner aus Nichtregierungsorganisationen, Wissenschaft und Technologiebranche, darunter auch der Ökumenische Rat der Kirchen, in einer in Genf veröffentlichten gemeinsamen Erklärung aus Anlass der am Mittwoch endenden Konferenz des UN-Büros für Abrüstungsfragen (UNODA) über KI im militärischen Bereich und deren Folgen für internationale Sicherheit. Erst zu Monatsbeginn hatte Papst Leo XIV. in seiner Enzyklika "Magnifica humanitas" zu einer "Entwaffnung" der KI aufgerufen.
Die Erklärung warnt, KI-gestützte Kriegsführung könne zunehmend dazu beitragen, "Tötungen schnell und in großem Maßstab zu ermöglichen", während zugleich keine ausreichenden technischen oder regulatorischen Mechanismen existierten, um die daraus resultierenden Risiken für das humanitäre Völkerrecht wirksam zu begrenzen. Die Unterzeichner fordern daher ein Ende der Bereitstellung entsprechender Systeme für militärische Zielerfassung und Angriffsentscheidungen. Zudem sollen Unternehmen sicherstellen, dass ihre Produkte weder direkt noch indirekt zu Menschenrechtsverletzungen oder Kriegsverbrechen beitragen; wo dies nicht gewährleistet werden könne, dürften entsprechende Verträge nicht abgeschlossen oder müssten beendet werden.
Im Zentrum der Kritik steht die Sorge, KI-Systeme könnten zentrale Prinzipien des humanitären Völkerrechts - insbesondere Unterscheidung, Verhältnismäßigkeit und Vorsorge - unterlaufen. Verweise auf Medienberichte und offizielle Angaben, unter anderem aus dem US-Verteidigungsbereich, sowie auf Einschätzungen zu israelischen Militärsystemen, deuten laut Erklärung darauf hin, dass KI-gestützte Zielerfassung die Geschwindigkeit und Reichweite militärischer Operationen deutlich erhöht habe. Dadurch wachse die Gefahr, dass menschliche Verantwortung bei Entscheidungen über Leben und Tod verwischt und Angriffe unter dem Eindruck algorithmischer Objektivität legitimiert werden.
Besonders problematisiert wird der Einsatz großer Sprachmodelle (LLM) in militärischen Entscheidungsprozessen. Diese könnten, so die Unterzeichner, Zielauswahl und Priorisierung beschleunigen und damit faktisch zu automatisierten Genehmigungsmechanismen für tödliche Einsätze werden, selbst wenn formale menschliche Kontrolle bestehen bleibe. Die Erklärung warnt, dass in solchen Konstellationen die Überprüfung durch Menschen zunehmend zur Formalität verkomme und das Risiko massiver Opfer sowie systematischer Rechtsverstöße steige. Auch die Intransparenz vieler KI-Systeme erschwere im Fall von Fehlentscheidungen die klare Zuweisung rechtlicher und moralischer Verantwortung.
Die Unterzeichner fordern daher Staaten auf, den Einsatz von KI - einschließlich großer Sprachmodelle - in militärischen Zielerfassungs- und Angriffsprozessen zu unterbinden und offen zu legen, in welchem Umfang entsprechende Technologien bereits genutzt werden. Unternehmen wiederum sollen keine Verträge mit militärischen Akteuren eingehen, wenn nicht ausgeschlossen werden kann, dass ihre Systeme gegen humanitäres Völkerrecht verstoßen. Ziel sei es, eine Entwicklung zu verhindern, in der Entscheidungen über Leben und Tod zunehmend auf maschinelle Empfehlungen reduziert und menschliche Sorgfaltspflichten faktisch ausgehöhlt werden.