Ungarn: Heuer voraussichtlich zehn Priesterweihen für die Diözesen
15.06.202611:13
Ungarn/Kirche/Priester/Ausbildung/Priesterweihen
Leiter des Priesterseminars der Erzdiözese Esztergom-Budapest, Attila Balogh: Priester sollen keine Einzelkämpfer sein
Esztergom, 15.06.2026 (KAP) In Ungarn werden heuer für die Diözesen voraussichtlich zehn Männer zu römisch-katholischen Priester geweiht. Im Vorjahr lag die Zahl bei zwölf; eine Übersicht zu Priesterweihen im Bereich der Ordensgemeinschaften gibt es nicht. Der Leiter des Priesterseminars der Erzdiözese Esztergom-Budapest, Attila Balogh, hat im Interview mit Kathpress (Montag) über die aktuelle Situation, die Herausforderungen und die Zukunft der Priesterausbildung gesprochen. Zwei Schwerpunkte liegen dabei - bedingt durch die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen - vor allem in den ersten Jahren der Ausbildung auf den Grundlagen des christlichen Glaubens und der Persönlichkeitsbildung der Kandidaten. Junge Priester bräuchten zudem tragfähige Gemeinschaften, um ihre Berufung gut leben zu können.
Priesterseminare gibt es in Budapest, Esztergom, Eger und Szeged, nachdem das Priesterseminar von Györ im vergangenen September seinen Betrieb ausgesetzt hat. In Eger unterhält neben dem diözesanen Seminar auch der Neokatechumenale Weg ein eigenes Priesterseminar. Dessen Kandidaten werden ebenfalls für den Dienst in der Diözese geweiht.
Im Seminar von Szeged studieren seit September mehr als zehn Seminaristen aus Afrika und Asien. Darüber hinaus erhalten auch die ungarischsprachigen Seminaristen der beiden benachbarten katholischen Diözesen in Serbien ihre Ausbildung in Szeged.
Im Priesterseminar in Esztergom gebe es derzeit 17 Seminaristen, berichtete Balogh. Darüber hinaus befänden sich mehrere Kandidaten bereits in der praktischen Ausbildung unmittelbar vor ihrer Priesterweihe. Da sich die Gesellschaft ständig verändere, müsse sich auch die Ausbildung ständig weiterentwickeln.
Seinen nach Erfahrungen würden viele junge Männer heute mit einer gewissen "menschlichen Unreife" ins Seminar eintreten. Deshalb beginne die Priesterausbildung nicht in erster Linie mit pastoralen Fertigkeiten, sondern mit grundlegenden Fragen menschlicher und christlicher Reifung. "Die Ausbildung zum Priester beginnt bei der Frage: Was bedeutet es, ein Mann zu sein? Was bedeutet es, Mensch zu sein? Was bedeutet es, Christ zu sein? Was bedeutet Vaterschaft?", so der Rektor wörtlich.
Das Seminar habe die Aufgabe, die Kandidaten auf ihrem Reifungsweg zu begleiten. Dabei komme es durchaus vor, dass einige während ihrer Ausbildungszeit erkennen, dass sie nicht zum Priestertum berufen sind. In solchen Fällen freue man sich dennoch über ihre Entwicklung. "Dann werden sie später glückliche Familienväter, und auch darüber freuen wir uns sehr."
Sehr unterschiedliche Biografien
Zur Unterstützung der Seminaristen verfüge das Seminar über verschiedene Instrumente. Dazu gehörten psychologische Begleitung, Angebote zur Selbstreflexion und Selbsterkenntnis sowie die Einbindung in karitative Dienste. In einigen Diözesen würden Kandidaten zunächst ein vorbereitendes Propädeutikum absolvieren, bevor sie ins Seminar eintreten.
Zur Frage nach den Biografien der Kandidaten antwortete Balogh, diese seien sehr unterschiedlich. Es gebe allerdings nur wenige Bewerber aus intakten Familien, während viele aus geschiedenen Elternhäusern kämen. Manche würden direkt nach der Matura eintreten und seien noch sehr unreif, andere würden bereits umfangreiche Lebenserfahrung mitbringen. Seiner Ansicht nach wäre es wichtig, dass die Verantwortlichen vor Ort die Kandidaten sorgfältiger prüften und nicht jeden sofort ins Seminar schickten.
Ein besonderes Merkmal des Esztergomer Seminars ist laut dem Rektor die Gemeinschaftsbildung. Den Seminaristen würden zahlreiche Möglichkeiten gegeben, Gemeinschaft zu leben und eigenständig Beziehungen aufzubauen. Dazu gehörten Ausflüge, kulturelle Veranstaltungen, gemeinsame Freizeitaktivitäten, Grillabende oder Gespräche über Literatur.
Auch hinsichtlich ihrer religiösen Vorbildung seien die Kandidaten sehr unterschiedlich. Einige kämen aus kirchlichen Schulen und verfügten über solide Glaubenskenntnisse, andere hätten deutlich weniger religiöse Bildung erhalten. Deshalb habe ein Grundlagenfach zur Einführung in den christlichen Glauben in den vergangenen Jahren stark an Bedeutung gewonnen.
Priester sollen keine Einzelkämpfer sein
Zur praktischen Ausbildung erklärte Balogh, dass diese bewusst erst in den höheren Ausbildungsjahren stärker gewichtet werde. Die Erfahrung zeige, dass praktische Einsätze wenig Nutzen hätten, solange die notwendigen Grundlagen noch fehlten. Erst im vierten, fünften und sechsten Studienjahr sei genügend Fundament vorhanden, um sinnvoll darauf aufzubauen. Das sechste Jahr bestehe dafür nahezu vollständig aus pastoraler Praxis.
Im Hinblick auf die Treue zur priesterlichen Berufung nach der Weihe hob er die Bedeutung der sogenannten Nachbegleitung hervor. Entscheidend sei, dass junge Priester tragfähige Gemeinschaften hätten und sich gegenseitig unterstützten. "Wenn sie versuchen, als Einzelkämpfer Priester zu sein, sinken die Chancen, der Berufung treu zu bleiben, deutlich."
Über die Zusammenarbeit der Seminarleitungen in Ungarn berichtete der Rektor, dass regelmäßige Treffen stattfänden. Dort würden Erfahrungen ausgetauscht und gemeinsame Herausforderungen besprochen.
Abschließend betonte Balogh, dass in der Ausbildung alle Themen auf den Tisch kommen müssten. Wenn ein Seminarist das Seminar mit der Fähigkeit verlasse, offen über seine eigenen persönlichen Reifungsprozesse und Herausforderungen zu sprechen, dann sei bereits viel erreicht.