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Experte: Credo vom ständigen Wirtschaftswachstum ist überholt

15.06.2026 12:02
Österreich/Kirche/Wirtschaft/Gesellschaft
Salzburger Wirtschaftsforscher Holzinger im "Der Sonntag"-Interview: "Unsere öffentlichen Leistungen müssen wir auch ohne weiteres Wirtschaftswachstum sicherstellen. Immaterielle Güter wie Gemeinschaft, Bildung, Kultur können weiter wachsen"
Wien, 15.06.2026 (KAP) Unter dem Motto "Wirtschaft - Wohlstand - Klima" findet am 19. und 20. Juni im Bildungszentrum Sankt Bernhard in Wiener Neustadt das heurige SOL-Symposium statt, das mit kritischen Impulsen zu den angesprochenen Schlagwörtern zum Nachdenken und Handeln anregen und Menschen miteinander vernetzen will. "SOL" steht für Solidarität, Ökologie und Lebensstil. Einer der Vortragenden, der Salzburger Wirtschafts- und Zukunftsforscher Hans Holzinger, hat in der aktuellen Ausgabe der Wiener Kirchenzeitung "Der Sonntag" einige zentrale Aspekte des Symposions vorweggenommen. So sei etwa längst klar, das sich das Credo vom ständigen Wirtschaftswachstum nicht mehr ausgehe.

Die zentrale Frage sei, welche Lebens- und Konsumstile für acht oder neun Milliarden Menschen möglich sind, ohne die planetaren Grenzen zu überschreiten. Die wohlhabenden Länder würden ökologisch seit vielen Jahren über ihre Verhältnisse leben, "sozial und kulturell aber unter unseren Möglichkeiten". Ziel der Wirtschaft sowie der Politik müsste es sein, die Grundbedürfnisse wie Zugang zu Lebensmitteln guter Qualität, leistbarem Wohnen, Bildung und Kultur für alle sicherzustellen und zugleich die Luxusbedürfnisse hintanzustellen.

Glaubenssatz vom andauernden Wachstum gilt nicht mehr

Den Glaubenssatz vom notwendigen ständigen "Wirtschaftswachstum" hinterfragte Holzinger: "Noch immer überwiegt das Credo, dass wir den Konsum und damit auch das Wirtschaftswachstum ankurbeln müssten, um Arbeitsplätze zu erhalten oder neu zu schaffen, um die Staatsverschuldung runterzubringen. Das ist ein Problem." Es brauche Investitionen in die Energie- und Mobilitätswende, doch auch "grünes Wachstum" gehe sich ökologisch nicht aus, "weil erneuerbare Energien ebenfalls ressourcenintensiv sind". Sie seien unbedingt nötig, "aber zugleich muss der Energieverbrauch drastisch sinken und damit auch unser Konsum, unsere expansive Mobilität". Das Ziel müsse Wachstumsunabhängigkeit sein.

Holzinger: "Unsere öffentlichen Leistungen müssen wir auch ohne weiteres Wirtschaftswachstum sicherstellen, allein aus dem Grund, dass exponentielles Wachstum rein physisch nicht möglich ist. Zwei Prozent Wachstum bedeuten eine Verdoppelung in 35 Jahren. Und ja, immaterielle Güter wie Gemeinschaft, Bildung, Kultur können weiter wachsen - sie bereichern unser Leben."

Ein gutes Leben bedeutet wirtschaftliche Absicherung und zugleich erfüllte soziale Bedürfnisse, so Holzinger weiter. Man könnte meinen, dass "das gute Leben" etwas sehr Subjektives sei, "aber Ergebnisse der Zufriedenheitsforschung zeigen, dass es über die Länder hinweg viele Übereinstimmungen gibt. Neben einer wirtschaftlichen Absicherung geht es dabei insbesondere um soziale Bedürfnisse", so Holzinger, der wissenschaftlicher Mitarbeiter der Salzburger Robert-Jungk-Bibliothek für Zukunftsfragen ist.

Österreich in Weltglücksreport der UN auf Platz 14

Der jährlich erscheinende Weltglücksreport der Vereinten Nationen nenne folgende Dinge: "soziale Kontakte, Vertrauen in sich selbst, untereinander und in den Staat, wirtschaftliche Sicherheit, lokale Verortung, Fehlen von Korruption, ein positives Demokratiebild". Nachsatz: "Vorne liegen interessanterweise immer die skandinavischen Länder, Österreich belegte zuletzt Platz 14."

Wie Holzinger weiter ausführte, erzeuge wirtschaftliche Not Stress und sei einem guten Leben hinderlich. Weniger ungleiche Gesellschaften seien zufriedener und hätten auch deutlich weniger soziale Probleme, wie etwa eine britische Studie zeige. Eine faire Verteilung des Erwirtschafteten sei daher Voraussetzung für das gute Leben für alle. (Infos zum SOL-Symposium 2026: https://nachhaltig.at/symposium-2026/)
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