Zentrale Passagen aus der ersten Enzyklika "Magnifica Humanitas" von Papst Leo XIV. im Wortlaut
Vatikanstadt, 25.05.2026 (KAP) Papst Leo XIV. hat mit der Sozialenzyklika "Magnifica Humanitas" am Pfingstmontag die erste Enzyklika seines Pontifikats veröffentlicht. Kathpress dokumentiert im Folgenden zentrale Passagen des mehr als 120 Seiten umfassenden Rundschreibens in Form einer Kurzfassung:
Einleitung
Die von Gott geschaffene großartige Menschheit steht heute vor einer entscheidenden Wahl: Entweder sie errichtet einen neuen Turm zu Babel oder sie erbaut die Stadt, in der Gott und die Menschheit gemeinsam wohnen. Jede Generation erbt die Aufgabe, die eigene Zeit zu gestalten, damit die Geschichte zu einem Ort reifen kann, an dem die Würde jedes Menschen gewahrt, Gerechtigkeit gefördert und Geschwisterlichkeit ermöglicht wird. Doch jeder Epoche droht die Gefahr, dass die Welt unmenschlich und ungerechter wird. Wo die Menschheit riskiert, ihr wahres Gesicht zu verlieren, da erheben wir Christen unseren Blick zu dem Gott, der Mensch geworden ist. (1)
Heute ist die Soziallehre der Kirche ein Schatz an Weisheit, in dem wir Denkgrundsätze, Kriterien zum Unterscheiden und Urteilen sowie konkrete Handlungsorientierungen finden. Sie gründet auf der Heiligen Schrift und der Tradition und hilft uns im Dialog mit den Wissenschaften, die Herausforderungen der Gegenwart hellsichtig zu deuten und geeignete Wege aufzuzeigen, um freudig ein klares christliches Zeugnis zu geben, das der Welt dient. Die Soziallehre ist kein statisches Begriffsgefüge, sondern ein lebendiges Korpus an Wahrheiten, der die Berufung der Menschheit zu einem erfüllten und gerechten Leben bewahrt und auslegt. (3)
In den letzten Jahren ist immer deutlicher geworden, wie rasch und tiefgreifend Digitalisierung, Künstliche Intelligenz (KI) und Robotik unsere Welt verändern. Die Technik ist an sich nicht als eine menschenfeindliche Kraft zu betrachten; im Gegenteil, sie ist von Anfang an in unserer Geschichte verwurzelt, als eine zutiefst menschliche Erscheinung, die an die Autonomie und Freiheit des Menschen geknüpft ist. Die technische Entwicklung hat im Laufe der Jahrhunderte zu einer erheblichen Verbesserung der Lebensbedingungen der Menschheit beigetragen; zugleich hat jede Phase des Fortschritts auch die Ambivalenz von Werkzeugen offenbart, die in der Lage sind, Schaden anzurichten, wenn sie nicht auf das Gute ausgerichtet sind. Heute sehen wir uns jedoch mit einer neuen Situation konfrontiert, in der die Macht und Omnipräsenz neuer Technologien die Struktur des täglichen Lebens durchwirken, Entscheidungsprozesse prägen und die kollektive Vorstellungswelt tiefgreifend beeinflussen: "Nie hatte die Menschheit so viel Macht über sich selbst". Die neuen Technologien eröffnen einen Horizont, der sich in Richtungen erstreckt, die sich zwar erahnen, aber noch nicht vollständig vorhersagen lassen. Dies erschwert die Beurteilung ihrer Auswirkungen und langfristigen Folgen für die Würde des Einzelnen und für das Gemeinwohl. (4)
Nun ist es an uns, den Herausforderungen unserer Zeit mit Klarheit und Verantwortungsbewusstsein zu begegnen. Es ist notwendig, angemessene Regulierungsinstrumente einzuführen, die in der Lage sind, die Gerechtigkeit zu schützen und die verzerrenden Auswirkungen von technologischer Macht einzudämmen. (5)
Technologie kann heilen, verbinden, bilden und unser gemeinsames Haus schützen, aber sie kann auch spalten, ausgrenzen und neue Ungerechtigkeiten hervorbringen. Abstrakt betrachtet ist sie per se weder eine Lösung für die Probleme der Menschheit noch ein Übel. Konkret betrachtet aber ist sie nicht neutral, weil sie die Züge derer annimmt, die sie konzipieren, finanzieren, regulieren und nutzen. Daher ist die erste Entscheidung nicht die zwischen einem "Ja" oder einem "Nein" zur Technologie, sondern die zwischen der Konstruktion von Babel oder dem Wiederaufbau Jerusalems, zwischen einer Macht, die sich anmaßt, den Himmel zu beherrschen, und einem Volk, das sich in Gottes Gegenwart vereint ans Werk macht, die Mauern des geschwisterlichen Zusammenlebens wiederaufzubauen. (9)
Vermeiden wir also das "Babel-Syndrom": die Vergötterung des Profits, die die Schwachen opfert; die Einförmigkeit, die Unterschiede nivelliert; den Anspruch einer einzigen - auch digitalen - Sprache, die in der Lage ist, alles, sogar das Geheimnis der Person, in Daten und Leistung zu übersetzen. Dies ist die Gefahr der Entmenschlichung - bei der Gestaltung der Zukunft Gott auszuschließen und den Anderen auf ein Mittel zu reduzieren - eine uralte und immer neue Versuchung, die heute technische Gestalt annimmt. (10)
Die Kirche erinnert mit demütiger, aber fester Stimme daran, dass wahre Erfüllung nicht aus der Beseitigung von Schwäche entsteht, sondern aus harmonischem Wachstum, wenn Freiheit und Verantwortung mit gegenseitiger Fürsorge und echter Solidarität einhergehen und wenn Fortschritt an der Würde jedes Einzelnen und am Wohlergehen aller Völker gemessen wird. (12)
Vermeiden wir Worte, die erniedrigen oder gegeneinander aufbringen. Entscheiden wir uns für Klarheit, die erleuchtet, und Freimut, der Wege eröffnet. (14)
In der Zeit der Künstlichen Intelligenz, in der die Menschenwürde aufgrund neuer Formen von Entmenschlichung in den Hintergrund zu treten droht, haben wir die dringende Pflicht, zutiefst menschlich zu bleiben und liebevoll jenes großartige Menschsein zu bewahren, das uns geschenkt ist und das in Christus in seiner ganzen Fülle offenbar wurde, und das keine Maschine in seiner Pracht jemals ersetzen kann. (15)
An alle katholischen Gläubigen, an alle Christen, an alle Männer und Frauen guten Willens richte ich einen eindringlichen Appell: Scheuen wir uns nicht, uns auf der Baustelle unserer Zeit die Hände schmutzig zu machen. (16)
1. Ein dynamisches Denken im Geist des Evangeliums
In diesem ersten Kapitel möchte ich in knapper Form den Weg nachzeichnen, auf dem die Soziallehre der Kirche im jüngeren Lehramt der Päpste und des Zweiten Vatikanischen Konzils Gestalt angenommen hat, um damit ihren dynamischen Charakter hervorzuheben. In jeder Epoche erfordern es die res novae nämlich, dass diese Lehre sich im Lichte der offenbarten Wahrheit mit den Fragen der Geschichte auseinandersetzt. Daher ist auch die Künstliche Intelligenz nicht als ein thematischer Anhang oder als zu bewältigender Notfall zu verstehen, sondern als eine Veränderung, die die Kategorien der Soziallehre wesentlich herausfordert und - in Treue zum Evangelium - nach einer Weiterentwicklung verlangt. (17)
In Wirklichkeit geht sie [die Soziallehre, Anm.] aus einer Kirche hervor, die gemeinsam mit der Menschheit unterwegs ist, die die Autonomie der irdischen Wirklichkeiten und die Unterscheidung zwischen kirchlicher und politischer Gemeinschaft anerkennt und gerade deshalb danach strebt, dem Gemeinwohl zu dienen. (18)
Die Kirche, die in der Welt ein Zeichen der Einheit für die gesamte Menschheitsfamilie ist, erkennt in den Fragen und Herausforderungen der gegenwärtigen Zeit den Ort, an dem sie ihre Berufung zum Hören, zum Dialog und zum Dienst ausüben kann, wobei sie allem Beachtung schenkt, was das Leben der Männer und Frauen von heute betrifft. (19)
Die Kirche betrachtet all jene, die aufrichtig nach "Wahrheit, Güte und Schönheit" suchen, als Weggefährten und als "wertvolle Verbündete" bei der Verteidigung der Würde jedes Menschen und bei der Bewahrung der Schöpfung. Indem sie den pastoralen Stil des Zweiten Vatikanischen Konzils übernimmt, das dazu einlädt, auf die Zeichen der Zeit zu hören, sie zu erkennen und zu deuten, fürchtet die Kirche, erleuchtet von der Weisheit des Wortes Gottes, die Begegnung mit dem menschlichen Wissen nicht. (23)
Gestärkt durch diesen fruchtbaren Dialog zwischen dem Evangelium und menschlichem Wissen hat die Kirche ihre Soziallehre schrittweise vertieft und im Laufe der Zeit ein Weisheitserbe angereichert, das sich durch eine theologische und anthropologische Kohärenz auszeichnet, die im christlichen Menschenbild verwurzelt ist. (24)
Das Verständnis von Wahrheit als Geschenk, das es miteinander zu teilen gilt, und nicht als Besitz, den man für sich beansprucht, befreit die Kirche von der Versuchung, Formen ihrer Präsenz nachzutrauern, die auf Macht beruhen. (...) Es kommt nicht in erster Linie darauf an, Machtpositionen zu besetzen oder kulturelle Festungen zu bewachen, sondern Prozesse des Guten in Gang zu setzen und sie reifen zu lassen; so drängt sich die Wahrheit des Evangeliums nicht von oben auf, sondern wächst im Laufe der Zeit, im konkreten Geflecht von Leben, Gemeinschaften und Kulturen. (25)
Die fruchtbare Spannung zwischen der Universalität ihrer Sendung und ihrer lokalen Verwurzelung gehört wesentlich zum Leben der Kirche: Sie umfasst die ganze Welt, nimmt aber die Fragen jedes einzelnen Kontexts auf, da dieser der reale Ort ist, an dem das Evangelium Gestalt annimmt. (26)
Im Lichte des bisher Gesagten zeigt sich die Soziallehre der Kirche mit ihrem authentischsten Gesicht: nicht als Handbuch von anzuwendenden Prinzipien und Normen, sondern als Weg gemeinschaftlicher Unterscheidung. Sie entsteht aus der Begegnung zwischen der ewigen Wahrheit des Evangeliums und den Fragen der Geschichte. Sie lässt sich von den Zeichen der Zeit Fragen stellen. Sie nährt sich durch den Beitrag der Wissenschaften, der Kulturen und der menschlichen Erfahrungen. Deshalb hat die Kirche - gemeinsam mit den anderen christlichen Konfessionen und den Gläubigen anderer Religionen - ihre Stimme zu erheben, wenn die Würde der Brüder und Schwestern entstellt wird, wenn die Politik den Dramen der Menschheit nicht gerecht wird, wenn sich die Wirtschaft gegen den Menschen wendet oder die Wissenschaft die Grenzen ihrer Methode überschreitet. Sie tut das nicht, um zu herrschen, sondern um der Gemeinschaft zu dienen. (27)
Betrachtet man diesen Weg in seiner Gesamtheit, so wird deutlich, dass die Soziallehre der Kirche nicht das Ergebnis eines am Schreibtisch ausgearbeiteten Entwurfs ist, sondern das Ergebnis eines geduldigen Prozesses, in dem jeder Papst - wie auch das Zweite Vatikanische Konzil - im Lichte der "Neuerungen" seiner Zeit einen originären Beitrag geleistet hat. Jeder von ihnen hat, indem er sich den Herausforderungen seiner Zeit stellte und die geschichtlichen Veränderungen im Lichte des Evangeliums deutete, verschiedene Aspekte eines einzigen Erbes hervortreten lassen: die Würde der Person, den Wert der Arbeit, die allgemeine Bestimmung der Güter, Solidarität und Subsidiarität, die Bewahrung der Schöpfung, die zentrale Bedeutung von Frieden und Geschwisterlichkeit. (45)
2. Grundlagen und Prinzipien der Soziallehre der Kirche
Die Soziallehre der Kirche ist ein lebendiges Gebilde, das im Dialog mit der Geschichte, den Kulturen und den Wissenschaften steht und zugleich einen unvergänglichen Kern von Wahrheiten bewahrt. (...) Um den Menschen im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz zu bewahren, müssen wir meines Erachtens heute erneut über das Gemeinwohl, die allgemeine Bestimmung der Güter, Subsidiarität, Solidarität und soziale Gerechtigkeit nachdenken. (46)
Mit diesen Überlegungen möchte ich vor allem den Laien sowie allen Frauen und Männern guten Willens helfen, ihre Sendung wiederzuentdecken, die darin besteht, die Prinzipien, auf die ich im Folgenden eingehen werde, im Alltag, im Familienleben, in der Arbeit und im gesellschaftlichen Engagement zu verwirklichen (...) Zugleich möchte ich Hochschulen und Universitäten ermutigen, diesen Grundsätzen neue Kraft zu verleihen, indem sie sie in einer zeitgemäßen und im Hinblick auf die digitale Revolution wirkungsvollen Weise neu bedenken. (47)
Die Soziallehre der Kirche führt uns zurück zum Kern unseres Glaubens: zum Geheimnis des lebendigen Gottes, der sich in Jesus Christus als Gemeinschaft von Personen offenbart - Vater, Sohn und Heiliger Geist -, als Liebe in Beziehung, die sich gegenseitig schenkt und sich der Welt mitteilt. (48)
Es ist wichtig, darauf zu achten, dass dieses gewachsene Bewusstsein für die Menschenwürde nicht unter dem Druck neuer Ideologien oder bestimmter, sehr mächtiger Interessen in der heutigen Welt getrübt wird. Unter diesen Ideologien halte ich jene für besonders verfänglich, die suggeriert, dass jeder Mensch seinen Wert erst verdienen oder rechtfertigen müsse, bis dahin, dass denjenigen, die effizienter und leistungsfähiger sind, ein höherer Wert beigemessen wird. Innerhalb einer solchen Perspektive wird der Mensch letztlich auf ein Mittel zur Erzielung von Ergebnissen reduziert, auf eine Ressource, die man nutzen und ausbeuten kann, und nicht mehr als ein Zweck in sich selbst anerkannt, der niemals instrumentalisiert werden darf. Doch der Wert des Menschen hängt nicht davon ab, was er leistet oder produziert, und es gibt Rechte, die allen allein aufgrund der Tatsache zustehen, dass sie Menschen sind. Keine menschliche Macht kann diese rechtmäßig verweigern oder willkürlich einschränken. (51)
Die grundlegende Würde jedes Menschen kann daher weder erworben noch verdient werden und muss auch nicht erst bewiesen werden. (53)
Das erste dieser Menschenrechte ist das Recht auf Leben, von der Empfängnis bis zu seinem natürlichen Ende, ohne das es unmöglich ist, irgendein anderes Recht auszuüben. Wenn dieses grundlegende Recht verweigert wird, wie es bei der Abtreibung, bei der Tötung Unschuldiger und bei der Euthanasie geschieht, stehen wir vor Entscheidungen, die die Kirche als schwerwiegend unerlaubt beurteilt. (55)
Wenn wir auf unsere Zeit blicken, können wir nicht übersehen, dass der Schutz der Menschenrechte heute zwei besonders ernsten Gefahren ausgesetzt ist. Die erste besteht darin, dass man sich nur rein formal zu ihnen bekennt, während zusammen mit dem technologischen Fortschritt versteckte oder offensichtliche Verletzungen der Menschenwürde weiter zunehmen. Die zweite, die in Wirklichkeit die Wurzel der ersten ist, besteht darin, dass man die Grundlage ihrer universalen Geltung nicht mehr erkennen kann, weil man auf die Suche nach den stabilsten Grundlagen für unsere Entscheidungen und auch für unsere Gesetze verzichtet hat. (56)
Dennoch ist es noch ein weiter Weg, bis die Rechte eines großen Teils, nämlich der Frauen, weltweit wirklich in gleicher Weise gewahrt sein werden. (...) Es reicht also nicht aus, mit Worten zu bekräftigen, dass Männer und Frauen die gleiche Würde und die gleichen Rechte haben; dies muss sich in konkreten Entscheidungen niederschlagen, in den Gesetzen, im Zugang zu Arbeit, Bildung, gesellschaftlichen und politischen Verantwortlichkeiten sowie in der Art, wie die Gesellschaft den Beitrag der Frauen wahrnimmt und wertschätzt. Solange diese Kluft fortbesteht, werden wir nicht sagen können, dass die Gesellschaft tatsächlich vollumfänglich anerkennt, dass Frauen die gleiche Würde wie Männer haben. (57)
Wenn die Politik auf eine langfristige Perspektive verzichtet und sich auf kurzfristige Kalküle oder sterile Polarisierungen beschränkt, dann verliert das Sprechen über das Gemeinwohl an Glaubwürdigkeit und Ungleichheiten sowie soziale Spaltungen nehmen zu. (63)
Während die Klüfte zwischen den Völkern zunehmen, breitet sich eine Logik des Gegeneinanders und der Aggression aus, und der schwierige Weg hin zu einer geeinteren und geschwisterlicheren Welt erleidet neue und schmerzhafte Rückschläge. (...) Ich lade alle ein, über wirksamere Formen der Zusammenarbeit und über internationale Institutionen nachzudenken, die das globale Gemeinwohl bewahren können, ohne die legitime Vielfalt der Völker und Staaten aufzuheben. Denn die Förderung des Gemeinwohls kann niemals losgelöst werden von der Achtung des Rechts der Völker, zu existieren, ihre Identität zu bewahren und ihren je eigenen Beitrag für die Familie der Nationen zu leisten. Jeder Versuch oder jedes Vorhaben, eine Nation auszulöschen oder zu unterwerfen, ist zutiefst unmoralisch und daher inakzeptabel. (64)
"Unter den vielfältigen Aspekten des Gemeinwohls kommt dem Prinzip der allgemeinen Bestimmung der Güter unmittelbare Bedeutung zu." Dieses Prinzip erinnert uns vor allem daran, dass Gott die Güter der Erde - Boden, Wasser, Luft, natürliche Ressourcen - der gesamten Menschheitsfamilie geschenkt hat, damit sie allen heute und in Zukunft zum Leben gereichen, und dass alle ein ursprüngliches Recht auf die Nutzung dieser Güter haben. (65)
Es gibt ein Recht auf Privateigentum, das seinen Sinn und seine eigene Funktion hat, aber stets der allgemeinen Bestimmung der Güter untergeordnet ist. (...) Die Tradition der Kirche hat im Eigentum ein Mittel gesehen, Güter so zu bewahren und zu verwalten, dass sie dem Gemeinwohl besser dienen können. (66)
Zu den Gütern, die universal für alle bestimmt sind, müssen wir heute auch die neuen Formen des Eigentums zählen: Patente, Algorithmen, digitale Plattformen, technologische Infrastrukturen, Daten. In einem Kontext, in dem der Reichtum der Nationen immer mehr von Wissen und Technologien abhängt, entsteht ein neues Ungleichgewicht, wenn diese Güter ohne angemessene Teilhabe und Zugangsmöglichkeiten in den Händen weniger konzentriert bleiben: Dies widerspricht der allgemeinen Bestimmung der Güter und vergrößert die Kluft zwischen den Teilhabenden und den Ausgeschlossenen, zwischen denen, die an der digitalen Revolution teilhaben können, und denen, die am Rande stehen. Darüber hinaus erfordern die Sorge um das gemeinsame Haus und die Verantwortung gegenüber den Armen und den künftigen Generationen, dass die Nutzung der Güter der Schöpfung und der neuen Möglichkeiten, die die Technik bietet, so geregelt wird, dass die Umwelt geachtet, Verschwendung vermieden und neue Formen der Ausbeutung verhindert werden. (67)
Das Subsidiaritätsprinzip gilt in besonderem Maße im Kontext der digitalen Revolution. Hier ist die übergeordnete Ebene nicht der Staat, sondern jeder große wirtschaftliche und technologische Akteur, der faktische Macht über die Bedingungen des gemeinsamen Lebens ausübt. Die Ebene, die Kompetenzen, Daten und Entscheidungsbefugnisse an sich zieht, besteht aus Unternehmen und Plattformen, die Zugangsbedingungen, Sichtbarkeitsregeln, Beziehungsformen und sogar wirtschaftliche Chancen festlegen. Subsidiarität verlangt, dass solche Prozesse nicht von oben auf undurchsichtige und einseitige Weise aufoktroyiert werden, sondern durch Transparenz, Verantwortlichkeit und echte Formen der Teilhabe (unabhängige Überprüfungen, Transparenz bei Algorithmen, gerechten Zugang zu Daten, Rechtsbehelfsmöglichkeiten) auf das Gemeinwohl ausgerichtet sind. (71)
Bei Entscheidungen, die Wirtschaftsströme und digitale Plattformen betreffen, wie auch bei der Steuerung von Daten und Algorithmen darf man nicht zulassen, dass wenige Akteure die Prozesse alleine lenken. Vielmehr ist es notwendig, Formen der Zusammenarbeit zu entwickeln, die die verschiedenen Ebenen der Weltgemeinschaft respektieren und sie für das Gemeinwohl mitverantwortlich machen. (72)
In einer Welt, die durch immer engere Beziehungen zwischen Menschen, Gemeinschaften und Nationen geprägt ist, nimmt Solidarität auch eine globale Dimension an. (...) Wie die natürliche Umwelt kann auch das "digitale Ökosystem" geschützt oder ausgebeutet, gemeinsam genutzt oder monopolisiert werden. Solidarität verlangt, dass Entscheidungen in Bezug auf Daten, Algorithmen, Plattformen und Künstliche Intelligenz nicht nur den unmittelbaren Vorteil einiger weniger berücksichtigen, sondern auch die Auswirkungen auf die Gesamtheit der Völker und auf künftige Generationen. (76)
Die Verbreitung globaler Netzwerke, Plattformen und Systeme Künstlicher Intelligenz verändert die Art, wie wir uns informieren, kommunizieren und auf Dienstleistungen zugreifen. Gerechtigkeit verlangt, dass die Entstehung neuer Formen der Ausgrenzung und Freiheitsberaubung verhindert wird (...) Eine gerechte soziale Ordnung im digitalen Zeitalter ist eine, die allen einen gleichberechtigten Zugang zu Chancen garantiert, die Jüngsten und die Fragilsten schützt, Hass und Desinformation bekämpft und die Nutzung von Daten und Technologien einer öffentlichen Kontrolle unterwirft, damit nicht der bloße Profit zum Maßstab wird, sondern die Würde eines jeden Menschen und das Wohl der Völker. (80)
Ein entscheidender Prüfstein für soziale Gerechtigkeit ist heute die Situation der Migranten, der Flüchtlinge und all jener, die aufgrund von Armut, Gewalt, Klimawandel und Umweltkatastrophen zur Flucht gezwungen sind. Die Weise, wie eine Gesellschaft mit ihnen umgeht, zeigt, ob ihr Gerechtigkeitsbegriff von Angst oder von Geschwisterlichkeit geleitet ist. (81)
Die Idee der ganzheitlichen menschlichen Entwicklung findet heute ein entscheidendes Prüfkriterium in der ganzheitlichen Ökologie, die zu einer unverzichtbaren Dimension der Soziallehre der Kirche geworden ist. Die Qualität der Entwicklung misst sich nämlich an ihrer Fähigkeit, die Gerechtigkeit gegenüber den Menschen und die Bewahrung des gemeinsamen Hauses miteinander zu verbinden, ohne sie voneinander zu trennen: Es geht um die Förderung menschenwürdiger Lebensbedingungen, Zugang zu lebensnotwendigen Gütern, gerechte gesellschaftliche Beziehungen, Sorge für die Schöpfung und Achtung gegenüber den künftigen Generationen. Daraus folgt, dass es kein wahrer Fortschritt ist, wenn der Wohlstand einiger weniger gesteigert wird, während Ökosysteme zerstört, Kosten auf die schwächsten Gemeinschaften abgewälzt oder die Lebensbedingungen derer beeinträchtigt werden, die nach uns kommen. (84)
Technologische Innovationen - einschließlich der Künstlichen Intelligenz - sind nicht neutral: Sie können Teilhabe und Gerechtigkeit fördern oder Ungleichheiten, Kontrolle und Ausgrenzung verstärken. Deshalb müssen sie anhand einer entscheidenden Frage bewertet werden: Tragen sie wirklich dazu bei, dass Menschen und Völker an Menschlichkeit und Geschwisterlichkeit wachsen, im Respekt vor unserem gemeinsamen Haus und den künftigen Generationen? (85)
Die Soziallehre richtet sich nicht nur an die Gesellschaft: Sie ist auch eine Gewissenserforschung für die Kirche, jenes Haus und jene Schule der Gemeinschaft, die stets aufgerufen ist, sicherzustellen, dass die in diesem Kapitel aufgeführten Prinzipien vor allem auch in ihrem Inneren gelebt werden. Das Gemeinwohl nimmt im kirchlichen Bereich eine synodale Gestalt an, die ihrer Sendung zugutekommt, dem Reich Gottes zu dienen. (86)
In dieser Perspektive wird die Subsidiarität zu einem Kriterium der Leitung und des pastoralen Lebens, welche die Verantwortung der Gläubigen und der kirchlichen Mittelstrukturen anerkennt und unterstützt, Charismen und Kompetenzen fördert und dabei jeden Paternalismus vermeidet, der die Freiheit des Evangeliums erstickt. Konkret erfolgen die Mitwirkung der Getauften an Entscheidungsprozessen und die Mitverantwortung in der Mission über Gremien tatsächlicher und nicht nur nomineller Mitwirkung. (87)
Gerechtigkeit bedeutet im Inneren der Kirche, die Beziehungen und Strukturen von jenen Verzerrungen zu befreien, die Ungleichheit, Undurchsichtigkeit und Machtmissbrauch hervorrufen. In dieser Hinsicht gehört es wesentlich zu einem Weg der Gerechtigkeit, dass den Opfern von geistlichem, wirtschaftlichem, institutionellem, sexuellem Missbrauch, von Machtmissbrauch und Missbrauch des Gewissens Gehör geschenkt wird; dies umfasst auch eine Anerkennung des Schadens, gerechte Wiedergutmachung und Prävention. (89)
3. Technik und Herrschaft. Die Größe der menschlichen Person angesichts der Versprechen der KI
Dieses [technokratische, Anm.] Paradigma hat sich in den letzten Jahren rasch verbreitet, auch aufgrund der Verbreitung von Künstlicher Intelligenz, von Kognitionswissenschaften, Nanotechnologie, Robotik und Biotechnologie. An sich können diese Innovationen zu einer großen Hilfe für die ganzheitliche menschliche Entwicklung und die Bewahrung unseres gemeinsamen Hauses werden. Doch gerade wegen ihrer Leistungsfähigkeit können sie als Beschleuniger des technokratischen Paradigmas wirken und bedürfen daher einer neuen geistlichen, ethischen und politischen Einordnung. Leistungsfähiger bedeutet nicht zwangsläufig besser. (93)
Wenn technologische Entwicklung ohne eine angemessene ethische und soziale Reifung voranschreitet, kann es geschehen, dass die Mittel mehr werden, ohne dass die Menschlichkeit in gleichem Maße mitwächst. Das führt zu einem "Mehr-Haben", aber nicht zu einem "Mehr-Sein", und der Mensch läuft Gefahr, in erster Linie aufgrund der Leistungen bewertet zu werden, die er erbringt. (94)
Im digitalen Bereich liegt die Kontrolle über Plattformen, Infrastrukturen, Daten und Rechenleistung in vielen Fällen nicht in der Hand der Staaten, sondern von großen wirtschaftlichen und technologischen Akteuren, die de facto die Zugangsbedingungen, die Regeln der Sichtbarkeit und die Möglichkeiten der Teilhabe selbst festlegen. Wenn sich solche Macht in wenigen Händen konzentriert, besteht die Gefahr, dass sie undurchsichtig wird und sich der öffentlichen Kontrolle entzieht. Das erhöht das Risiko einer schiefen Entwicklung, die neue Abhängigkeiten, Ausgrenzungen, Manipulationen und Ungerechtigkeit erzeugt. (95)
Angesichts dieser Machtkonzentration in der digitalen Welt werden die großen Prinzipien der Soziallehre zu Maßstäben für die Beurteilung und Einordnung dieser neuen Situation: die unveräußerliche Würde des Menschen, das Gemeinwohl, die allgemeine Bestimmung der Güter, die Subsidiarität, die Solidarität und die soziale Gerechtigkeit. Diese Prinzipien rufen zur Prüfung auf, ob die Macht digitaler Infrastrukturen und Algorithmen tatsächlich Teilhabe und Verantwortung fördert, die Schwachen schützt, Chancengleichheit gewährleistet und auf das Wohl aller ausgerichtet bleibt. (96)
Es ist nicht möglich, eine eindeutige und umfassende Definition von Künstlicher Intelligenz zu geben. Fest steht jedoch, dass das Missverständnis zu vermeiden ist, diese "Intelligenz" mit der menschlichen gleichzusetzen. Diese Systeme ahmen bestimmte Funktionen der menschlichen Intelligenz nach. Dabei übertreffen sie sie oft an Geschwindigkeit und Rechenleistung und bieten somit in zahlreichen Bereichen konkrete Vorteile. Diese Leistungsfähigkeit hat jedoch ausschließlich mit der Datenverarbeitung zu tun: Sogenannte Künstliche Intelligenzen machen keine Erfahrungen, besitzen keinen Leib, empfinden weder Freude noch Schmerz, reifen nicht in Beziehungen, wissen nicht von ihrem Inneren her, was Liebe, Arbeit, Freundschaft und Verantwortung bedeutet. Sie haben auch kein moralisches Gewissen: Sie unterscheiden nicht zwischen Gut und Böse, sie erkennen nicht den eigentlichen Sinn von Situationen und sie nehmen die Last der Konsequenzen nicht auf sich. Sie können Sprache, Verhalten und Beurteilungen imitieren, sie können Empathie oder Verständnis simulieren, aber sie verstehen nicht, was sie damit bewirken, denn sie bewegen sich nicht in jenem affektiven, relationalen und geistigen Horizont, in dem der Mensch zur Weisheit gelangt. (99)
Die Schnelligkeit und Einfachheit, mit der es möglich ist, Informationen, komplexe Analysen, Medieninhalte und konkrete Hilfestellungen zu erhalten, vereinfachen unser Leben. Sie können uns aber auch daran gewöhnen, zu viel zu delegieren und nach vorgefertigten Antworten zu suchen. Damit schwächen sie das persönliche Urteilsvermögen und die Kreativität. Der Eindruck von Objektivität, den die Antworten und Vorschläge dieser Systeme vermitteln, kann uns vergessen lassen, dass sie das kulturelle Wertesystem derjenigen widerspiegeln, die sie entworfen und trainiert haben, mit all ihren Stärken und Schwächen. Die künstliche Nachahmung positiver menschlicher Kommunikation - Worte des Rates, des Mitgefühls, der Freundschaft und der Liebe - kann befriedigend und sogar hilfreich sein, doch bei weniger reflektierten Nutzern kann sie irreführend wirken und die Illusion wecken, in einer Beziehung mit einem echten persönlichen Subjekt zu stehen (...) Dann besteht nicht so sehr die Gefahr, dass eine Person glaubt, mit einer anderen Person zu sprechen, sondern dass sie den Wunsch verliert, anderen Personen wirklich zu begegnen. (100)
Die Vorteile in Bezug auf die Effizienz und das Verbesserungspotenzial bestimmter Dienstleistungen liegen auf der Hand; eine rasche und unkritische Einführung birgt jedoch mehrere Risiken, unter anderem die Gefahr, die Auswirkungen auf die Umwelt zu unterschätzen. Aktuelle KI-Systeme erfordern große Mengen an Energie und Wasser, haben erhebliche Auswirkungen auf den Kohlenstoffdioxid-Ausstoß und verbrauchen Ressourcen in großem Umfang. Mit zunehmender Komplexität, insbesondere bei großen Sprachmodellen, wächst auch der Bedarf an Rechenleistung und Speicherkapazität. Das bedeutet wiederum die Notwendigkeit einer Vielzahl von Maschinen, Kabeln, Datenverarbeitungszentren und energieintensiver Infrastruktur. Daher ist es unerlässlich, nachhaltigere technologische Lösungen zu entwickeln, um die Umweltauswirkungen zu verringern und unser gemeinsames Haus zu schützen. (101)
Einem Algorithmus konkret die Macht zu übertragen, zu bestimmen, wem etwas zusteht und wem nicht, ohne dass noch jemand die Last der Entscheidung trägt, bedeutet, ihm die Aufgabe zu übertragen, die Grenzen menschlicher Möglichkeiten neu zu definieren. Was in diesem Prozess verloren geht, ist nicht nur das Mitgefühl für den Ausgeschlossenen, das künstlich nachgeahmt werden kann, sondern auch die politische Verantwortung, denn die Ausgrenzung der Schwachen wird mit Neutralität und Objektivität ummantelt, gegen die man nicht protestieren kann. So wird Ungerechtigkeit lautlos, und Mitgefühl, Barmherzigkeit und Vergebung - nicht als bloße Fassade, sondern als politische Gesten - verschwinden von der Bildfläche. (103)
Damit KI die Menschenwürde achtet und wirklich dem Gemeinwohl dient, müssen die Verantwortlichkeiten jederzeit klar sein: angefangen bei jenen, die die Systeme entwerfen und trainieren, bis hin zu jenen, die sie nutzen und ihnen konkrete Entscheidungen anvertrauen. In vielen Fällen sind die internen Prozesse, die zu einem Ergebnis führen, jedoch undurchsichtig, und das erschwert die Zuweisung von Verantwortung und die Behebung von Fehlern. Genau hier kommt das, was wir als Accountability bezeichnen, entscheidend zum Tragen: : die Möglichkeit, festzustellen, wer für Entscheidungen "Rechenschaft ablegen" muss, wer sie begründen, kontrollieren und, falls nötig, anfechten sowie den daraus entstehenden Schaden beheben muss. (105)
Wenn man zur Vorsicht, zu strengen Kontrollen und manchmal auch zu einer Verlangsamung bei der Einführung der KI aufruft, bedeutet das nicht, gegen den Fortschritt zu sein, sondern eine verantwortungsvolle Sorge um die Menschheitsfamilie zu zeigen. Diese Notwendigkeit ist umso dringlicher, als oft ein Ungleichgewicht zwischen der Geschwindigkeit der technologischen Entwicklung und dem Tempo besteht, in dem Bewusstsein, Normen, Kontrollen und Institutionen heranreifen, die in der Lage sind, deren Auswirkungen zu steuern. Es reicht nicht aus, sich allgemein auf die Ethik zu berufen: Es bedarf angemessener rechtlicher Rahmenbedingungen, unabhängiger Aufsicht, Aufklärung der Nutzer und einer Politik, die sich nicht ihrer Aufgabe entzieht. Andernfalls wird der Wandel nur von technokratischen Logiken bestimmt und als notwendig und unvermeidlich dargestellt, was letztendlich dazu führt, dass Regeln durchgesetzt werden, die von denjenigen diktiert werden, die über Daten, Infrastruktur und Rechenkapazitäten verfügen. (106)
Eine moralischere KI nützt nichts, wenn diese Moral von wenigen bestimmt wird. Was wir brauchen, ist eine Politik, die präsenter ist, die in der Lage ist, dort zu bremsen, wo alles immer schneller wird, und die Räume zu schützen, in denen Gemeinschaften noch mitwirken und Fragen stellen können. (107)
Wie es bei jeder großen technologischen Wende der Fall ist, so neigt auch die KI dazu, vor allem die Macht derjenigen zu stärken, die bereits über wirtschaftliche Ressourcen, Kompetenzen und Zugang zu Daten verfügen (...) Kleine, sehr einflussreiche Gruppen können Informationen und Konsum lenken, demokratische Prozesse konditionieren und die wirtschaftliche Dynamik zu ihrem eigenen Vorteil beeinflussen. Dies steht im Widerspruch zur sozialen Gerechtigkeit und Solidarität unter den Völkern. Aus diesem Grund ist es unerlässlich, dass der Einsatz von KI - insbesondere wenn es um öffentliche Güter und Grundrechte geht - von klaren Kriterien und wirksamen Kontrollen begleitet wird, die von Partizipation und Subsidiarität geprägt sind. (...) Daten sind das Ergebnis der Beiträge vieler und dürfen nicht an einige Wenige verkauft oder ihnen überlassen werden. (108)
Die Prinzipien der Katholischen Soziallehre helfen uns, diese neue Wirklichkeit zu deuten. In einer Welt, in der wenige Akteure Daten, Rechenkapital und Regulierungsmacht konzentrieren, bedeutet das Sprechen vom Gemeinwohl, diese neue epistemische, wirtschaftliche und politische Asymmetrie zu entlarven und die neuen Monopole von KI beim Namen zu nennen. Von der allgemeinen Bestimmung der Güter zu sprechen bedeutet, Wege zu finden, um den Zugang aller zu Technologien und Bildung zu gewährleisten. Von Subsidiarität zu sprechen erfordert den Schutz der Fähigkeit von Gemeinschaften, Entscheidungen zu treffen und Korrekturen vorzunehmen, ohne ihr Handeln auf die bloße Kontrolle zu beschränken, nachdem die Standards anderswo festgelegt wurden. Wenn wir von Solidarität sprechen, müssen wir die unsichtbare, oft von Ausbeutung begleitete Arbeit in den Blick nehmen, die hinter algorithmischen Modellen steht. Wenn wir von Gerechtigkeit sprechen, müssen wir die Machtverhältnisse hinterfragen, die bestimmen, wer die Modelle trainieren darf und wer lediglich als Trainingsobjekt dient. Wir müssen erkennen, dass soziale Gerechtigkeit nicht nur ein schützenswertes Ziel ist, nachdem eine Technologie eingeführt worden ist, sondern eine Vorbedingung, die bereits bei deren Konzeption berücksichtigt werden muss. (109)
Schließlich möchte ich einen Begriff benutzen, der mir am Herzen liegt: "entwaffnen". KI zu entwaffnen bedeutet, sie der Logik des bewaffneten Wettbewerbs zu entziehen, der heute nicht mehr nur militärischer, sondern auch wirtschaftlicher und kognitiver Natur ist. Bei diesem Wettrennen geht es um den leistungsfähigsten Algorithmus und die größte Datenbank, um einen geopolitischen oder kommerziellen Vorsprung gegenüber allen anderen zu festigen. Entwaffnen bedeutet, diese Gleichsetzung von technischer Macht und dem Recht zu herrschen aufzubrechen. Entwaffnen bedeutet nicht, auf die Technologie zu verzichten, sondern zu verhindern, dass sie den Menschen zu beherrscht. (...) KI ist bereits eine Umwelt, die uns umgibt, und eine Macht, mit der wir uns auseinandersetzen müssen. Daher reicht es nicht aus, sie zu regulieren: Sie muss entwaffnet und lebensfreundlich gemacht werden. (110)
Wenn Effizienz zum Wertmaßstab wird, ist der Mensch versucht, sich selbst als ein zu optimierendes Projekt zu betrachten und nicht als ein Geschöpf, das zu Beziehung und Gemeinschaft berufen ist. (112)
Wenn daher die Intelligenz verabsolutiert wird, geraten andere wesentliche Dimensionen des Lebens in den Hintergrund: die Gefühle, der Wille, die Hingabe und die Beziehung. Wenn technische Macht nicht ausgeglichen wird, macht sie uns nicht fähiger, sondern einsamer und anfälliger für eine Logik der Herrschaft und der Ausgrenzung. (113)
Der Wert einer Zivilisation lässt sich nicht an der Macht ihrer Mittel messen, sondern an der Fürsorge, die sie zu leisten vermag, an der Fähigkeit, den Mitmenschen als ein personales Gegenüber und nicht nur als Funktion zu sehen. (114)
Im Lichte der Katholischen Soziallehre ist der kritische Punkt hier nicht der Einsatz der Technik als solcher, sondern die ihr zugrundeliegende Auffassung: Wenn der Mensch als Material behandelt wird, das man vervollkommnen oder überwinden muss, dann wird es leichter akzeptabel, dass einige Menschen als weniger nützlich, weniger liebenswert, weniger würdig angesehen werden. (...) In der Tat wenden sich die Errungenschaften von Wissenschaft und Technik, wenn sie nicht mit einem moralischen und sozialen Fortschritt einhergehen, letztlich gegen den Menschen richten. Deshalb muss klar unterschieden werden: Es ist eine Sache, Technologien in eine menschliche und beziehungsorientierte Sicht zu integrieren; etwas ganz anderes ist es, sich von einer Vorstellungswelt leiten zu lassen, die Begrenztheit herabwürdigt und ein rein technisches "Heil" verheißt. (117)
Unser Verhältnis zum Leben scheint heute in einer Krise zu stecken. Alles, was als "Begrenztheit" erscheint - Unfähigkeit, Krankheit, Alter, Leiden, Verletzlichkeit -, wird normalerweise erst einmal als ein zu behebender Mangel angesehen und nicht als ein Umstand, durch den der Mensch reift und sich für Beziehungen öffnet. Doch wir müssen daran denken, dass der Mensch nicht trotz seiner Begrenztheit, sondern oft gerade durch seine Begrenztheit zur Entfaltung gelangt. (118)
Seit Jahrhunderten macht die christliche Tradition geltend, dass der Mensch nicht auf die Grenzen seiner Natur beschränkt ist, sondern dazu berufen, sich selbst zu übersteigen: nicht um der Wirklichkeit zu entfliehen oder um Begrenzungen zu missachten, sondern um in der Liebe vollendet zu werden. (127)
Was den Menschen rettet, ist nicht gesteigerte Selbstständigkeit, sondern eine Beziehung, die befreit, eine Gemeinschaft, die verwandelt. (...) Für einen Algorithmus ist ein Fehler etwas, das korrigiert werden muss; für einen Menschen kann er der Beginn einer tiefgreifenden Veränderung sein. (128)
Der christliche Humanismus lehnt Wissenschaft und Technik nicht ab, sondern nimmt sie mit Dankbarkeit und Realismus an und sieht sie nüchtern im Kontext einer höheren Berufung. Die schöpferische Vernunft des Menschen ist eine Gabe, die Leiden lindern und neue Möglichkeiten eröffnen kann. Allerdings muss sie auf das Gemeinwohl, auf Gerechtigkeit, auf die Sorge für die Schwachen und für die Schöpfung ausgerichtet bleiben. In diesem Sinne besteht die wahre Alternative nicht zwischen Begeisterung und Angst, sondern zwischen zwei Arten etwas aufzubauen: zwischen einem Fortschritt, der den Menschen und den Völkern dient, oder einem Fortschritt, der sie einer Logik der Macht unterwirft. (129)
4. Das Menschliche in Zeiten des Wandels bewahren. Wahrheit, Arbeit, Freiheit
Nachdem wir den Horizont nachgezeichnet haben, in dem sich die Herausforderung des technologischen Wandels vollzieht, insbesondere im Zusammenhang mit KI sowie transhumanistischen und posthumanistischen Strömungen, können wir nicht allein auf der Ebene allgemeiner Analysen verbleiben. (...) Im Licht der Grundsätze der Katholischen Soziallehre fordert uns der digitale Wandel dazu auf, die Wahrheit wieder als Gemeingut zu entdecken, die Würde der Arbeit zu schützen und die Freiheit vor jeglicher Abhängigkeit und Kommerzialisierung zu bewahren. (131)
Im öffentlichen Diskurs hat die Wahrheit von Sachverhalten eine rationale Dimension, weil sie Verifizierung, Bestätigung der Quellen und verantwortungsvolle Argumentation erfordert; doch vor allem ist sie relational: Sie entsteht durch vertrauensvolle Beziehungen und gemeinsames Handeln, in einem ehrlichen Austausch mit den anderen und mit der Welt. Nur die gemeinsame Suche nach der Wahrheit von Sachverhalten, die als Gemeingut verstanden wird, kann eine gerechte Kommunikation begründen. (132)
Die Suche nach der Wahrheit ist ein wesentlicher Bestandteil der Demokratie, die ihrerseits ein Mittel zur Mitwirkung am Gemeinwohl ist. Wenn die Frage nach dem, was wahr ist, ihre Bedeutung verliert und an ihre Stelle ein Pragmatismus tritt, der sich mit dem begnügt, was nützlich oder wirksam zu sein scheint, wird das demokratische Leben schwächer. Denn es lebt nicht nur von Regeln und Verfahren, sondern vor allem von einer redlichen Beziehung zu den Fakten und einer realen Ausrichtung auf das Wohl des Einzelnen und des sozialen Ganzen. Die Gleichgültigkeit gegenüber der Wahrheit führt zu einem langsamen, aber unaufhaltsamen Abgleiten zum Totalitarismus (134)
Die in digitalen Räumen kursierenden Inhalte beeinflussen die Art und Weise, wie Menschen die Welt wahrnehmen, und bringen Bilder und Erzählungen in das kollektive Bewusstsein ein, die Wünsche formen und tägliche Entscheidungen beeinflussen. Dies "ist keine parallele oder rein virtuelle Welt", denn was im Internet entsteht, wird nunmehr Teil des Lebens der Menschen, insbesondere der Jüngeren. (135)
Unsere erste Aufgabe besteht darin, diese Werkzeuge weder zu verteufeln noch zu vergöttern, sondern sie von einem festen Standpunkt aus zu lenken: Die Wahrheit ist ein Gemeingut und nicht das Eigentum derer, die Macht oder Sichtbarkeit besitzen. Wir müssen daher eine Ökologie der Kommunikation fördern. Auf der Ebene öffentlicher Regelungen bedeutet dies, Vorschriften zu erlassen, die die Logik hinter der Auswahl und Verbreitung von Inhalten transparenter werden lassen und den Schutz personenbezogener Daten gewährleisten. Auf sozialer und kultureller Ebene erfordert dies hingegen die Stärkung der intermediären Körperschaften, einen seriösen Journalismus sowie Orte des Austauschs, an denen Argumentation und Überprüfung mehr zählen als die unmittelbare Reaktion. Auf der Ebene der Schule und der Familie heißt dies, dass das Bewusstsein für ein neues Bildungsverständnis reifen und dass die korrekte und kritische Nutzung digitaler Instrumente, von KI sowie von Einkaufs- und Investitionsplattformen vermittelt werden muss. (137)
Auch die christlichen Gemeinschaften müssen an einer transparenten Kommunikation und ehrlichen Suche nach Fakten mitwirken. Leider ist dies nicht immer der Fall gewesen. Mit Scham haben wir miterlebt, wie schmerzhafte Wahrheiten auch über Mitglieder der Kirche und über kirchliche Wirklichkeiten ans Licht kamen. Insbesondere einige Journalisten, denen die Wahrheit am Herzen liegt, haben eine wesentliche Rolle dabei gespielt, Ungerechtigkeit und Missbrauch ans Licht zu bringen. An sie möchte ich erneut die Worte richten, die Papst Franziskus in seiner Ansprache vor den Vatikan-Korrespondenten sagte: "Ich danke euch auch für eure Berichte darüber, was in der Kirche nicht stimmt, dafür, dass ihr uns helft, es nicht unter den Teppich zu kehren, und für die Stimme, die ihr den Opfern von Missbrauch gegeben habt." (138)
Die allgegenwärtigen digitalen Medien schaffen eine Kultur der Unmittelbarkeit und Überstimulation, die angesichts des Aufwands, der für die Suche nach der Wahrheit erforderlich ist, zu Ermüdung, Langeweile und Apathie führt. (139)
Die Erziehung zum Umgang mit KI bedeutet daher auch, zu lernen, wann und wofür man sie nicht einsetzen sollte. (...) Wir müssen uns darin schulen, auf KI zu verzichten und wir müssen unsere Jugend vor der Verheißung der perfekten Maschine schützen, vor jener subtilen Verführung, die das menschliche Denken gerade dann nutzlos erscheinen lässt, wenn es am notwendigsten ist. (140)
In den letzten Jahren hat die psychologische und psychiatrische Fachliteratur mit zunehmender Nachdrücklichkeit dokumentiert, wie ein verfrühter und unbeaufsichtigter Umgang mit digitalen Geräten und sozialen Medien den Schlaf, die Aufmerksamkeit, die emotionale Regulierung und die Beziehungen negativ beeinflussen kann, insbesondere während der besonders sensiblen Entwicklungsphasen und oft mit dramatischen Folgen. (...) Zu früh über ein eigenes Mobiltelefon zu verfügen und es ohne Aufsicht durch Erwachsene zu nutzen, kann junge Menschen noch verletzlicher werden lassen und Abhängigkeiten fördern, indem sie Isolation, Mobbing und Cybermobbing ausgesetzt werden und unter Druck geraten, intime Bilder oder sensible Daten weiterzugeben. (141)
Für Eltern allein ist es schwierig, sich der Beeinflussung durch Geschäftsmodelle entgegenzustellen, die Aufmerksamkeit und Zeit monetarisieren. Daher ist ein Bündnis zwischen Politik, Bildungseinrichtungen und Familien unerlässlich, um die Erwachsenen bei ihrer Aufgabe konkret zu unterstützen. Es bedarf weitsichtiger politischer Entscheidungen, um den unmittelbaren Interessen der Plattformen - die in wenigen Händen konzentriert sind - entgegenzuwirken, wenn diese im Widerspruch zum Wohl der Minderjährigen stehen. In dieser Hinsicht sind gesetzgeberische Maßnahmen angebracht, um Altersgrenzen festzulegen, um Dienstleister in die Verantwortung nehmen, statt die gesamte Last der Kontrolle auf die Familien abzuwälzen, und um speziell Schutz vor allen Formen sexueller Ausbeutung und Gewalt im Internet zu bieten, damit die Kindheit und Jugend als kostbares Gut, das unserer Obhut anvertraut ist, wirklich geschützt ist. Zugleich ist es nötig, Kinder, Jugendliche und junge Menschen so zu schulen, dass sie lernen, Manipulationen zu erkennen und auch in digitalen Umgebungen ihre eigene Würde zu verteidigen und die Würde anderer zu achten. (142)
Die Katholische Soziallehre ruft Familien, Schulen, christliche Gemeinschaften und öffentliche Einrichtungen zu einem erneuerten Bildungsbündnis auf. Dies konkretisiert sich, wenn die grundlegenden Prinzipien in Bildungsziele umgesetzt werden: Erziehung zur Nüchternheit und zu einem Sinn für Grenzen; Erziehung zur Anerkennung des Rechts anderer Menschen und künftiger Generationen, die Güter zu genießen, die uns gegeben sind oder die der menschliche Erfindergeist verfügbar macht; Erziehung zu Freiheit und Verantwortung; Erziehung zu einem Bewusstsein für Transzendenz und für das Gemeinwohl. (147)
Da wir nach dem Bild des Schöpfers geschaffen sind, setzen wir durch unsere Werke in gewisser Weise sein Werk fort: Wir tragen zum Fortschritt der Gesellschaft und zur Verwirklichung des Gemeinwohls bei, setzen die uns gegebenen Fähigkeiten sinnvoll ein, verbessern und verschönern die Welt, sorgen für den Unterhalt unserer Familien, gehen Kooperationen ein und lernen, gemeinsam - im Zuhören und im Dialog - etwas zu schaffen, das niemand allein erreichen könnte. (148)
Aus diesen Gründen ist Arbeit nicht ein bloßes Mittel, sondern sie bringt die Würde unseres Lebens zum Ausdruck und stärkt sie. (149)
Das Zusammenspiel von Automatisierung, Robotik und KI verändert heute in rasantem Tempo die Struktur der Arbeit selbst. Dies, so heißt es, werde zu erheblichen Verbesserungen für alle führen. In Wirklichkeit sind die "neuen Arbeitsweisen" jedoch nicht unbedingt besser, denn "während die KI [...] verspricht, die Produktivität zu steigern, indem sie gewöhnliche Aufgaben übernimmt, sind die Arbeitnehmer oft gezwungen, sich an die Geschwindigkeit und die Anforderungen der Automaten anzupassen, anstatt dass letztere so konzipiert sein sollten, dass sie den Arbeitenden helfen. (...) Gerade um diesen Abweg zu vermeiden, ist es nötig, Systeme zu entwickeln, die den Menschen in den Mittelpunkt stellen und nicht nur auf Leistung oder Produktivität ausgerichtet sind. (150)
Das Streben nach höheren Gewinnen kann keine Entscheidungen rechtfertigen, die systematisch Arbeitsplätze opfern, weil der Mensch Ziel und nicht Mittel ist, und die Wirtschaftsordnung seiner Würde und dem Gemeinwohl untergeordnet bleiben muss. (152)
Die Arbeit bleibt eine grundlegende Dimension der menschlichen Erfahrung: Sie ist nicht nur ein Mittel zum Lebensunterhalt, sondern ein Ort, um sich auszudrücken, in Beziehung zu treten und zur Gemeinschaft beizutragen. (...) Aus diesem Grund besteht die Soziallehre der Kirche darauf, dass der Zugang zur Arbeit für alle ein vorrangiges Ziel der Politik und der wirtschaftlichen Prozesse sein muss, ein Kriterium, um die menschliche Qualität eines Entwicklungsmodells zu beurteilen.(154)
Die Gewerkschaften, die die Kirche stets unterstützt hat, sind aufgerufen, sich für die neuartigen Arbeitsformen und die neuen Arbeitnehmer zu öffnen, um sie in einem Umfeld zu vertreten und zu verteidigen, in dem sich ohne mutige Entscheidungen mehr Armut und mehr Ungleichheit abzeichnen, mit einer Vielzahl von Ausgegrenzten, die von Maschinen und automatisierten Systemen umgeben sind, die an ihre Stelle getreten sind. (155)
Die Risiken der neuen Technologien zeigen sich auf dem Arbeitsmarkt besonders deutlich. Aus diesem Grund muss man sich vor Augen halten, dass wirtschaftliche Freiheit nicht absolut ist, sondern stets am Gemeinwohl und an der Würde jedes Menschen gemessen werden muss. Unternehmerische Initiative kann eine echte Berufung sein, die Wohlstand schafft und das Leben aller verbessert, vorausgesetzt, sie erkennt an, dass das Schaffen von menschenwürdiger und wertvoller Arbeit wesentliche Elemente ihres Dienstes an der Gesellschaft sind und keine Variable, die ganz vom Gewinn abhängt. (157)
Die Erfahrungen der letzten Jahrzehnte zeigen, dass es in den Wirtschafts- und Finanzkrisen stets die Armen sind, die den höchsten Preis zahlen, während sich Theorien, die automatisches allgemeines Wohlergehen versprechen, häufig als illusorisch erweisen. (158)
Es ist notwendig, die derzeitigen Parameter zur Messung des Entwicklungsstands zu überwinden, die seit über achtzig Jahren am Konzept des Bruttoinlandsprodukts ausgerichtet sind und die nahezu systematisch wesentliche Aspekte für das allgemeine Wohlergehen der Menschen und der Umwelt außer Acht lassen. (159)
Der weltweite Wohlstand ist in absoluten Zahlen gewachsen, konzentriert sich jedoch zunehmend auf immer weniger Menschen, während sich die Ungleichheiten sowohl innerhalb der Länder als auch zwischen ihnen vergrößert haben: "Wenige haben zu viel und zu viele haben wenig, das ist die Logik unserer Zeit." (161)
Umso mehr ist es im Zeitalter von KI und Robotik nicht mehr möglich, sich allein auf die "unsichtbare Hand" des Marktes zu verlassen. Die Politik hat die Aufgabe, die wirtschaftlich-technologischen Dynamiken auf das Gemeinwohl auszurichten und menschenwürdige Arbeit, soziale Inklusion sowie eine gerechte Verteilung der Vorteile der Innovation zu fördern. (163)
Wenn Daten und Algorithmen die Kreditvergabe, die Personalauswahl, den Zugang zu Dienstleistungen oder Chancen beeinflussen, ist es notwendig, dass Entscheidungen nachvollziehbar und anfechtbar sind und einer Kontrolle unterzogen werden, damit der Mensch nicht auf ein Profil reduziert wird. (164)
Wenn Geschäftsmodelle von menschlichen Schwächen profitieren, dann wird der Mensch als Mittel und nicht als Zweck behandelt, und diejenigen, die diese Systeme entwerfen oder finanzieren, tragen eine moralische Verantwortung, der sie sich nicht entziehen können. Es ist dringend erforderlich, einen Umgang mit Technologien zu fördern, der die innere Freiheit stärkt: Erziehung zu digitaler Zurückhaltung, Schutz von Minderjährigen und Bekämpfung von Modellen, die aus der Verletzlichkeit anderer Nutzen ziehen. (170)
Nichts ist in der Welt der KI immateriell oder magisch. Jede scheinbar unmittelbare und perfekte Antwort entspringt einer langen Kette von Vermittlungen, einem ausgedehnten Netzwerk aus natürlichen Ressourcen, Energieinfrastruktur und vor allem Menschen. Ein wesentlicher Teil der Funktionsweise der digitalen Wirtschaft beruht auf der stillen Arbeit von Millionen von Menschen, die in wenig sichtbaren, aber unverzichtbaren Tätigkeiten beschäftigt sind: Datenbeschriftung, Moderation von Inhalten - oftmals der schlimmsten Art - und Modelltraining. In vielen Fällen handelt es sich um junge Menschen, zumeist Frauen, die für einen Mindestlohn hart arbeiten. (...) Es reicht nicht aus, sich auf Effizienz zu berufen oder die Vorteile der Innovation zu preisen, wenn diese auf einer Ausbeutungskette beruhen, die bewusst verborgen bleibt. Wenn eine Technologie Emanzipation verspricht, aber weltweit neue Formen der Unterordnung hervorbringt, dann widerspricht sie dem Grundprinzip der Menschenwürde. (173)
Der Kampf gegen die neuen Formen der Sklaverei ist eine entscheidende Bewährungsprobe für das ethische Urteilsvermögen im Hinblick auf KI und den digitalen Wandel. (174)
Im Laufe des Reifens ihrer Lehre ist sich die Kirche zunehmend der Schwere dieser Umstände [Sklaverei, Anm.] bewusst geworden. Es ist wahr, dass vergangene Ereignisse nicht ahistorisch beurteilt werden können, so als ob die im Laufe der Zeit gereiften Kriterien schon immer zur Verfügung gestanden hätten. Dennoch können wir die Verzögerung nicht leugnen oder herunterspielen, mit der die Kirche und die Gesellschaft die Geißel der Sklaverei verurteilt haben. (...) Erst im 19. Jahrhundert finden wir eine formale, absolute und universale Verurteilung der Sklaverei, insbesondere bei Leo XIII. Dies ist ein klares Beispiel für das wachsende Verständnis der Kirche hinsichtlich der ewigen Wahrheiten der Offenbarung, die sie bewahrt. Obwohl wir in dieser Frage keine Einheitlichkeit feststellen können - da die Kirche die Sklaverei lange Zeit tolerierte und erst später zu ihrer absoluten Verurteilung gelangte -, besteht im Laufe der Geschichte eine Kontinuität hinsichtlich der Überzeugung von der Würde jedes Menschen, der nach dem Bild Gottes erschaffen worden ist, auch wenn es achtzehn Jahrhunderte lang nicht gelang, deren völlige Unvereinbarkeit mit der Sklaverei offiziell festzustellen. Dies ist eine Wunde im christlichen Gedächtnis, die wir als unsere ansehen müssen. Es ist unvermeidlich, tiefen Schmerz angesichts des enormen Leidens und der Demütigung zu empfinden, die die Sklaverei für so viele Menschen bedeutete und ein Gegensatz zu ihrer grenzenlosen und vom Herrn unendlich geliebten Würde war. Dafür bitte ich im Namen der Kirche aufrichtig um Vergebung. (176)
Genau aus diesem Grund wird die Erinnerung an die Komplizenschaft und an die Blindheit von gestern im Hinblick auf die Ungerechtigkeit der Sklaverei zu einem Aufruf zur Wachsamkeit: Was wir gelernt haben, muss zu Urteilsvermögen und Verantwortlichkeit in der Gegenwart werden. (177)
In unseren Tagen zeigt der Kolonialismus ein neues Gesicht. Er beherrscht nicht mehr nur Körper, sondern eignet sich Daten an und verwandelt das persönliche Leben in verwertbare Informationen. Ganze Gebiete, insbesondere jene mit geringerer geopolitischer Bedeutung und größerer struktureller Anfälligkeit, werden derzeit von einer neuen Logik der Ausbeutung durchzogen: Gesundheitsdaten, epidemiologische Profile, genetische Karten und demografische Daten. Dies sind die neuen "Seltenen Erden" der Macht: lebenswichtige Informationen, die, sobald sie miteinander verknüpft sind, dazu genutzt werden können, Vorhersagemodelle zu trainieren, Investitionsstrategien zu lenken, Krisen vorauszusehen und vor allem auszuwählen, wer und was zählt. (...) Hierin liegt eine der dringlichsten moralischen Herausforderungen unserer Zeit: gemeinsames Wissen in ein Gemeingut zu verwandeln, statt es als Beherrschungsinstrument zu nutzen. (178)
Die neuen Formen der Sklaverei leben von Wirtschaftsketten und digitalen Infrastrukturen. Daher ist es notwendig, in mehrere Richtungen zu arbeiten. Erstens müssen Lieferketten, die die Technologiebranche und die digitale Wirtschaft stützen, transparenter werden, damit kein Wettbewerbsvorteil auf unsichtbarer Ausbeutung aufbaut. Zweitens müssen Unternehmen und Investoren klare Kriterien für eine präventive ethische Überprüfung (due diligence) festlegen und dabei den Schutz der Arbeitnehmer, die Bekämpfung von Zwangsarbeit sowie die sozialen Auswirkungen datengesteuerter Geschäftsmodelle zu ihren Prioritäten zählen. Darüber hinaus müssen digitale Plattformen verantwortungsbewusst mit Behörden und der Zivilgesellschaft zusammenarbeiten, um zu verhindern, dass Programme für Kommunikation, Zahlung und Profiling zu Kanälen für die Anwerbung und Kontrolle von Opfern werden. Wenn diese Maßnahmen zusammenwirken, dann kann das digitale Umfeld von einem Raum der Ausbeutung in einen Raum des Schutzes, der Prävention und der Förderung der Würde verwandelt werden. (179)
Die verschiedenen betrachteten Bereiche - die Suche nach Wahrheit im öffentlichen Leben, die Bildung im digitalen Umfeld, der Wandel der Arbeitswelt, die Fragilität von Familien und die neuen Formen der Sklaverei - sind keine voneinander getrennten Phänomene. Sie offenbaren dasselbe Grundproblem: Wenn die Technik zum absoluten Maßstab wird, läuft der Mensch Gefahr, als Daten, als Rädchen in einer Maschine oder als Ware behandelt zu werden; wenn die Technik hingegen im Rahmen eines weisheitlichen Horizonts angenommen wird, kann sie zu einer Chance für Wachstum, Gerechtigkeit und Geschwisterlichkeit werden. (180)
5. Die Kultur der Macht und die Zivilisation der Liebe
Nachdem wir uns damit befasst haben, wie KI bestimmte Bereiche des Lebens und der Gesellschaft verändert und dabei schwerwiegende Auswirkungen auf die Menschenwürde hat, müssen wir unsere Aufmerksamkeit nun auf das noch dramatischere Thema des Krieges richten. Hier geht es nicht bloß um die Effizienz neuer Instrumente, sondern um die Gefahr, dass die Technik, losgelöst von Ethik und Verantwortung, Entscheidungen über Leben und Tod schneller und unpersönlicher werden lässt und den Einsatz von Gewalt zu einer unmittelbaren und gangbaren Option macht. In einer immer interdependenter werdenden Welt ist Friede nicht ein Thema unter vielen, sondern eine Voraussetzung für das globale Gemeinwohl und ein Prüfstein für die moralische Reife der Völker, insbesondere derjenigen, die Regierungsverantwortung tragen. (182)
Die digitale Revolution verändert die Grammatik von Konflikten. Zur sichtbaren Kriegsführung gesellen sich hybride Formen: Cyberangriffe, Informationsmanipulation, Einflusskampagnen und die Automatisierung strategischer Entscheidungen. KI tritt in diese Prozesse als beschleunigender Faktor ein, in einem Kontext, in dem viele Technologien an und für sich ambivalent sind: Was für die Verteidigung geschaffen wurde, kann schnell zum Angreifen umfunktioniert werden, und die Grenze zwischen Schutz und Aggression neigt dazu, zu verschwimmen. (183)
Wenn wir die globalen Dynamiken betrachten, erkennen wir immer deutlicher die Ausbreitung einer Kultur der Macht, die aus Polarisierung und Gewalt besteht. Das moderne Babel ist nicht bloß das globalisierte technokratische Paradigma, sondern auch das Aufeinanderprallen von einander entgegengesetzten Imperialismen, zwischen Mächten, die ihre Vorrangstellung bewahren wollen, und Mächten, die eine solche erringen wollen, sowie eine Vielzahl lokaler Konflikte. Es ist auch das Wettrennen um die Entwicklung immer mächtigerer Technologien oder um die Sicherung der Kontrolle über diese, gemäß einer entmenschlichenden Dynamik, die keine Grenzen zu kennen scheint. Doch neben diesem Abweg machen wir einen großen Teil der Menschheit aus, der danach strebt, menschlich zu bleiben und daran zu arbeiten, die Stadt des Zusammenlebens und des Friedens zu errichten. (...) Diesem Horizont unseres Engagements, dieser Baustelle der Hoffnung geben wir den Namen "Zivilisation der Liebe". (185)
Die Zivilisation der Liebe ist keine naive Utopie, sondern ein anspruchsvolles Projekt. Sie besteht darin, Nächstenliebe in Strukturen der Gerechtigkeit zu verwandeln, Geschwisterlichkeit institutionelle Formen annehmen zu lassen und den anderen - sei es eine Person oder ein Volk - als einen notwendigen Verbündeten für den Aufbau des Gemeinwohls zu betrachten. (186)
Es reicht nicht aus, dass KI uns effizienter oder vernetzter macht; sie muss dazu dienen, jene universale Menschheitsfamilie mit gemeinsamen Rechten und Pflichten aufzubauen, in der digitale Nähe zu einer echten Chance für Begegnung und gegenseitige Fürsorge wird. (187)
190. Heute erleben wir im öffentlichen Diskurs und bei den Entscheidungen zur Aufrüstung jedoch einen echten Paradigmenwechsel, mit einer besorgniserregenden Rehabilitierung des Krieges als Instrument der internationalen Politik, während gerade jene ethischen Kriterien, die seinen Einsatz begrenzen, ausgehöhlt werden. Sich hinziehende regionale Konflikte, eskalierende Spannungen und gegenseitige Drohungen werden fast schon zur Normalität, und Formen von Konflikten um territoriale Expansion, die man für überwunden hielt, tauchen wieder auf. Die öffentliche Meinung wird zunehmend von einem polarisierenden Narrativ in den Medien, das oft durch Algorithmen verstärkt wird, die Konflikte und Konfrontationen in den Vordergrund stellen, geprägt und an dieses gewöhnt.
Wir erleben zudem einen besorgniserregenden Verlust an historischem Gedächtnis. Das Verblassen direkter Zeitzeugenberichte von der Shoah und den beiden Weltkriegen erleichtert eine selektive oder verzerrte Umschreibung der Vergangenheit, in einem Klima, in dem Fake News und narrative Manipulationen die gewonnenen Erkenntnisse verschleiern. (191)
Zu all dem kommt ein neues und entscheidendes Element hinzu: die mediale und digitale Dimension. Kommunikationsnetzwerke, fragmentierte Informationslandschaften und Algorithmen, die Konflikte begünstigen, können Polarisierung und Ressentiments verstärken, Propaganda beschleunigen und eine gemeinsame Urteilsfähigkeit behindern. So wird Krieg nicht nur geführt, sondern auch kulturell vorbereitet: durch vereinfachende Narrative, Freund-Feind-Logik, Desinformation und Angst. Wenn das historische Gedächtnis verblasst und die ethischen Kriterien, die Zivilisten und die Verletzlichsten schützen, schwächer werden, wird es einfacher, Gewalt als notwendig, unvermeidlich oder gar als "sauber" darzustellen. Dieses Klima ist es, in dem die Menschheit in eine gewalttätige Machtkultur abgleitet, in der Friede nicht mehr als eine Aufgabe erscheint, der man sich stellen muss, sondern als eine prekäre Zeitspanne zwischen Konflikten. Heute ist es - unbeschadet des Rechts auf legitime Verteidigung, die im engsten Sinne zu verstehen ist - wichtiger denn je, die Überwindung der Theorie des "gerechten Krieges" zu bekräftigen, die allzu oft herangezogen wird, um alle möglichen Kriege zu rechtfertigen. Um Konflikte zu bewältigen, verfügt die Menschheit über Mittel, die weitaus wirksamer sind und geeigneter, das menschliche Leben zu fördern, wie zum Beispiel den Dialog, die Diplomatie und die Vergebung. Der Rückgriff auf Stärke, Gewalt und Waffen zeugt von einer Beziehungsarmut, die stets verheerende Folgen für die Zivilbevölkerung hat. (192)
Wir dürfen die enormen wirtschaftlichen Interessen hinter dem Krieg nicht ignorieren. Die Rüstungsindustrie und die Länder, die Waffen liefern, profitieren von einem Markt, der gerade dank der Konflikte gedeiht. In diesem Sinne gibt es auch eine wirtschaftliche Logik, die dazu beiträgt, Spannungen in verschiedenen Regionen der Welt zu schüren. (193)
Militärische Gewalt, die Schwäche diplomatischer Initiativen und die Komplexität der auf dem Spiel stehenden Interessen begünstigen Konflikte, die zu chronischen Auseinandersetzungen werden und enorme menschliche und ökologische Kosten verursachen. Es ist viel einfacher, einen Krieg zu beginnen, als ihn zu beenden, und doch spielt die Auseinandersetzung mit der Konfliktprävention nach wie vor eine dramatisch untergeordnete Rolle. (195)
Die Lage wird durch das Auftreten neuer bewaffneter Akteure - dschihadistischer Gruppen, privater Milizen, krimineller Netzwerke - noch weiter destabilisiert, die das Ende des staatlichen Gewaltmonopols einläuten. Diese Gruppen verflechten oft allgemeine ideologische Motive mit sehr konkreten wirtschaftlichen Interessen und verwandeln den Krieg in eine echte Lebensweise für ganze Generationen von Kindern und Jugendlichen. Das Ziel ist kein endgültiger Sieg mehr, sondern die Aufrechterhaltung des Konflikts als Quelle von Macht und Profit. (196)
199. [Beim Einsatz von KI auf dem Gebiet der Kriegsführung, Anm.] reicht es nicht aus, sich allgemein auf Ethik zu berufen: Es müssen genaue Kriterien für die Urteilsfindung benannt werden. Das erste betrifft die persönliche Verantwortung. Wenn die Entscheidung zum Angriff automatisiert oder undurchsichtig wird, steigt das Risiko des Verlusts von Verantwortlichkeit. Deshalb muss die Verantwortungskette identifizierbar und überprüfbar bleiben: Diejenigen, die entwickeln, ausbilden, genehmigen und einsetzen, müssen für ihre Entscheidungen Rechenschaft ablegen können. Das zweite Kriterium betrifft den Zeitrahmen des moralischen Urteils. KI neigt dazu, Entscheidungszeiten zu komprimieren; doch im Krieg dürfen für irreversible Entscheidungen nicht Schnelligkeit und Effizienz die obersten Kriterien sein. Das dritte Kriterium ist die Unterscheidung und der Schutz von Zivilisten. Jede Technologie, die es einfacher macht, anzugreifen, ohne das Gesicht des anderen zu sehen, senkt die moralische Schwelle des Konflikts. Bei der Auswahl von Zielen und der Anwendung von Gewalt dürfen weder Kombattanten und Nonkombattanten verwechselt werden, noch dürfen die Auswirkungen auf wehrlose Bevölkerungsgruppen ignoriert werden. (199)
Aus diesen Kriterien leiten sich einige unverzichtbare Anforderungen ab. Zuallererst muss bei jedem System, das zu Kriegszwecken eingesetzt wird, die Rückverfolgbarkeit und die Möglichkeit gewährleistet sein, Entscheidungsprozesse nachzuvollziehen, damit sich Verantwortlichkeiten und eventuelle Verschuldungen nicht "in der Maschine" verlieren. Zweitens darf die Entscheidung über den Einsatz tödlicher Gewalt nicht an undurchsichtige oder automatisierte Prozesse delegiert werden, sondern muss unter effektiver, bewusster und verantwortlicher menschlicher Kontrolle bleiben. Schließlich müssen gemeinsame Regeln festgelegt werden, auch auf internationaler Ebene, die den Wettlauf um hochtechnisierte Waffensysteme bremsen und einen besonderen Schutz für Zivilisten und die für ihr Überleben wesentlichen Infrastrukturen gewährleisten. (200)
Die Kultur der Macht entspringt auch der Krise des multilateralen Systems. Die Institutionen, die geschaffen wurden, um die Idee eines gemeinsamen Schicksals der Völker und eines globalen Gemeinwohls zu wahren, erscheinen geschwächt: Nicht nur aufgrund struktureller Grenzen, sondern auch, weil es oft an dem gemeinsamen Willen mangelt, sie zu stützen, zu reformieren und ihre moralische Autorität anzuerkennen. Statt Fortschritte zu machen, fallen wir im Vergleich zu dem historischen Wendepunkt des 20. Jahrhunderts zurück. (201)
Die Stärke des Völkerrechts wird somit durch das vermeintliche "Recht des Stärkeren" ersetzt, und seine Mittel - von den für Kriegsverbrechen zuständigen Gerichten bis hin zu den Gerichten, die Streitigkeiten zwischen Staaten schlichten sollen - werden oft umgangen oder geschwächt, was verheerende Folgen für die politische Kultur und das Zusammenleben hat. (202)
Die Logik des militärischen Gleichgewichts und der Abschreckung scheint sich wieder durchzusetzen. Doch im Gegensatz zum bipolaren Szenario des Kalten Krieges macht die Vielzahl der Akteure und Konfliktlinien diese Logik heute zunehmend fragil. (204)
Selbst in den dunkelsten Nächten erweckt der Herr Männer und Frauen, die nicht aufgeben und beharrlich Gutes tun: Personen, die die Schwachen beschützen und Wege der Versöhnung eröffnen. Die Erinnerung an die Heiligen, die Gerechten und die oft vergessenen Friedensstifter zeigt, dass die Gnade Konflikte nicht durch eine magische Geste beseitigt, sondern einen aktiven Widerstand gegen das Böse und eine überraschende Beharrlichkeit im Guten hervorbringt. Christen sehen die Finsternis und benennen sie beim Namen, doch sie verharren nicht dabei, sie zu betrachten: Sie kennen das Licht und wissen, dass die Finsternis es nicht erfasst hat und es nicht besiegen kann (vgl. Joh 1,5). Aus diesem Grund dienen sie dem Guten auch dort, wo der Schmerz das letzte Wort zu haben scheint, getragen von einer theologischen Hoffnung, die der Wirklichkeit einen Horizont und eine Ausrichtung gibt. (211)
Die Zivilisation der Liebe entsteht nicht aus einer einzigen, spektakulären Geste, sondern aus der Summe kleiner und beharrlicher Taten der Treue, die als Bollwerk gegen die Entmenschlichung dienen. Deshalb lohnt es sich, innezuhalten und einige Aspekte zu betrachten, wie wir, ein jeder in seinem eigenen Bereich, an ihrem Aufbau mitwirken können. Ohne den Anspruch zu erheben, das Thema erschöpfend zu behandeln, schlage ich fünf Ansätze für die Verantwortung im Alltag und im öffentlichen Leben vor: Worte entwaffnen, Frieden in Gerechtigkeit aufbauen, die Perspektive der Opfer einnehmen, einen gesunden Realismus pflegen, den Dialog und den Multilateralismus wiederbeleben. (213)
Der erste Beitrag, den wir zu einer humaneren Zivilisation leisten können, besteht darin, auf unsere Worte zu achten: "Entwaffnen wir die Worte, und wir werden dazu beitragen, die Erde zu entwaffnen." (...) Wir haben jedes Mal eine echte Gelegenheit, zum Guten beizutragen, wenn wir die Wahrheit sagen, einen weisen Ratschlag geben, jemanden unterstützen, der Trost braucht, eine Ungerechtigkeit anprangern und jemandem eine Stimme geben, der keine hat. (214)
Wir brauchen einen gesunden Realismus, der sowohl politischen Idealismus als auch Zynismus vermeidet. (218)
Um die Zivilisation der Liebe aufzubauen, müssen wir den Dialog praktizieren. Er ist das wichtigste Instrument für das Zusammenleben zwischen Menschen und zwischen Nationen und er ist die Alternative zum offenen Konflikt. (219)
Auf politischer Ebene ist es dringend erforderlich, von der "Kultur der Macht" zu einer echten "Kultur der Verhandlung" überzugehen, in der Dialog und diplomatische Beziehungen zur gewöhnlichen Art der Konfliktbewältigung werden (...) Das Bewusstsein für ein gemeinsames Schicksal der Völker verlangt, dass die Kultur der Verhandlung zunehmend zu einem gemeinsamen politischen und kulturellen Engagement wird, das in der Lage ist, die Menschheit schrittweise aus der Spirale der Gewalt herauszuführen. (221)
Bei der Ablehnung der Logik der Gewalt spielt der interreligiöse Dialog eine entscheidende Rolle, weil im Herzen der großen spirituellen Wege eine Botschaft des Friedens liegt. Diejenigen, die den Namen Gottes benutzen, um Terrorismus, Gewalt oder Krieg zu legitimieren, verraten sein Antlitz: Im Namen der Religion zu kämpfen bedeutet in Wirklichkeit, die Religion selbst anzugreifen. (223)
Internationale Organisationen, insbesondere die Vereinten Nationen, bleiben unverzichtbare Instrumente zur Förderung einer Zivilisation der Liebe, zur Unterstützung des Dialogs zwischen den Nationen, der friedlichen Konfliktlösung, der ganzheitlichen Entwicklung der Völker, des Schutzes der Schwächsten, der Abrüstung und der Bewahrung der Schöpfung. (226)
Werden wir nicht müde, für den Frieden zu beten und uns dafür einzusetzen, ihn in unseren Beziehungen und in der Gesellschaft zu verwirklichen. (228)
6. Schluss
In den Verheißungen des Transhumanismus und einiger posthumanistischer Strömungen, die eine verbesserte und fast entkörperlichte Menschheit anstreben, erkennen wir einen Wunsch, den wir alle hegen: die Sehnsucht nach einem erfüllteren Leben, das Schwächen und Leiden weniger ausgesetzt ist. Die Menschwerdung eröffnet jedoch einen anderen Weg. Während alte und neue Ideologien die Menschen dazu bringen wollen, Begrenzungen technisch zu überwinden und sich über andere zu erheben, um ihre Herrschaft auszuüben, verweist das Geheimnis des Sohnes Gottes, der sich in unsere Situation hineinbegibt, auf eine entgegengesetzte Bewegung. (...) Was den Menschen rettet, ist die göttliche Liebe, die bis zum tiefsten Punkt seiner Geschichte hinabreicht und sie von Grund auf erneuert. (232)
In Christus verstehen wir, dass der Mensch dazu berufen ist, am Werk der Schöpfung mitzuwirken, statt resigniert den technologischen Entwicklungen zuzusehen, die unsere Freiheit und Verantwortung einschränken. (...) Kein noch so ausgeklügeltes Computersystem erschafft ein Herz, das sich hingibt, oder ein Gewissen, das das Gute erkennt. Auch wenn die Maschinen in ihrer Effizienz überragend sind, bleibt das Zentrum der Geschichte ein menschliches Antlitz, das danach verlangt, angesehen zu werden. (233)
Die Eucharistie öffnet uns für die Gerechtigkeit und das Teilen, mit einer besonderen Aufmerksamkeit für diejenigen, die die Last der Armut und Ausgrenzung tragen. Und während die neuen wirtschaftlichen und technologischen Netzwerke Ausgrenzung, Isolation und Abhängigkeiten hervorrufen können, ist die von der Eucharistie genährte Kirche aufgerufen, einen anderen Maßstab sichtbar zu machen, indem sie Bindungen bewahrt, den Unsichtbaren wieder eine Stimme gibt und die Entwicklungen auf die Würde der Menschen ausrichtet. (235)
Bleiben wir der Wahrheit treu! Eingetaucht in unaufhörliche Flüsse von Informationen, Meinungen und Bildern, wissen wir, wie leicht es ist, Entscheidungen und Vorlieben durch immer raffiniertere Algorithmen zu beeinflussen. In diesem Zusammenhang ist es wichtig, sich ein Herz zu bewahren, das die Wahrheit liebt, das das Rechte mehr begehrt als die ansprechendsten Inhalte, das nach Weisheit strebt statt nach schneller Wirkung. Die Wahrheit, die wir nicht verlieren dürfen, ist die Wahrheit über Gott und über den Menschen, wie Christus sie uns offenbart hat. (237)
Investieren wir in die Bildung, die bei uns selbst beginnt! Wir alle müssen uns dazu erziehen, in der digitalen Welt menschlich zu bleiben. Dies ist ein integraler Bestandteil der Erziehung zum Glauben und zu einem guten Leben im Sinne des Evangeliums. (238)
Pflegen wir Beziehungen! In einer Zeit, die zu Beschleunigung und Fragmentierung neigt, verlangt der menschliche Körper weiterhin nach Fürsorge und Anerkennung durch Hände, die zu Zärtlichkeit fähig sind, durch aufmerksame Menschen und durch freundliche Worte. Die digitale Kultur vervielfacht Verbindungen und bietet neue Möglichkeiten der Begegnung; dennoch bewahrt das menschliche Herz ein unverzichtbares Bedürfnis nach Nähe. Ich lade dazu ein, an Orten und Zeiten festzuhalten, wo die physische Anwesenheit zählt: am gemeinsamen Tisch, an der christlichen Gemeinschaft, die sich versammelt, am Besuch bei einsamen Menschen und am Dienst an den Armen (239).
Lieben wir die Gerechtigkeit und den Frieden! Dieselben Technologien, die die Kommunikation und den Zugang zu Ressourcen erleichtern, können Modelle unterstützen, die die Schwächsten ausbeuten, neue Formen der Sklaverei begünstigen und Konflikte zu Profitgelegenheiten werden lassen. Jede technische oder wirtschaftliche Entscheidung wird zu einem Ort geistlicher Unterscheidung, zu einer Gelegenheit, um zu prüfen, ob die Fortschritte der KI Räume für Gerechtigkeit und Teilhabe eröffnen oder Reichtum und Macht in den Händen einiger weniger konzentrieren. (240)
In der demütigen Treue des Alltags kann auch das Zeitalter der KI zu einer Zeit werden, in der der Heilige Geist die Zivilisation der Liebe in unserem Leben zur Reife bringt. Der Herr macht weiterhin alles neu und hält jeder Epoche die Möglichkeit offen, im Licht der Menschwerdung zu einer Geschichte des Heils zu werden. (245)
Sozialenzyklika "Magnifica Humanitas. Über den Schutz des Menschen im Zeitalter der künstlichen Intelligenz" von Leo XIV. veröffentlicht - Papst: "KI muss entwaffnet und lebensfreundlich gemacht werden"
Am Pfingstmontag erscheint mit "Magnifica humanitas" die erste Enzyklika von Papst Leo XIV. - Unterzeichnet hat das Kirchenoberhaupt sein Lehrschreiben nicht zufällig genau 135 Jahre nach dem Rundschreiben "Rerum novarum" von Leo XIII., dem grundlegenden Dokument der katholischen Soziallehre - Von Alexander Brüggemann (KNA)