Die erste Sozialenzyklika "Rerum novarum" wurde vor genau 135 Jahren, am 15. Mai 1891, von Leo XIII. vorgelegt
Vatikanstadt, 25.05.2026 (KAP) "Sozialenzyklika" bezeichnet ein weltweites päpstliches Schreiben zu sozialen Fragen. Wie zur Glaubens- und Sittenlehre, so äußern sich die Päpste auch zur Soziallehre. Sie tun dies unter anderem in Form von Enzykliken, zu deutsch "Rundschreiben". Gerichtet sind Enzykliken an die katholische Weltkirche, gelegentlich zudem an "alle Menschen guten Willens". Die erste Sozialenzyklika "Rerum novarum" wurde am 15. Mai 1891 von Leo XIII. vorgelegt. Üblich ist, dass Enzykliken nach den Anfangsworten des meist lateinischen Originaltextes benannt sind.
Die Kirche äußerte sich in ihrer Lehrverkündigung immer schon über richtiges Verhalten in der Gesellschaft. In der Neuzeit forderten dann eine immer stärker werdende Verflechtung des Menschen in Staat, Gesellschaft und Wirtschaft die Kirche heraus, eingehender Stellung zu nehmen.
Lohngerechtigkeit und Arbeitsschutz
Als erste bedeutende Stellungnahme dieser Art gilt die Enzyklika "Rerum novarum", die während der Industriellen Revolution erschien. Darin erteilt die Kirche dem Klassenkampf eine Absage, verlangt zugleich aber Lohngerechtigkeit und gesteht den Arbeitern das Recht zu, sich zum Zweck einer Durchsetzung ihrer Interessen zu organisieren. Der Staat wird aufgefordert, die Arbeiter zu schützen.
Weitere zentrale Sozialenzykliken sind "Quadragesimo anno" (1931) von Papst Pius XI., "Mater et magistra" (1961) von Johannes XXIII., "Populorum progressio" (1967) von Paul VI. sowie von Johannes Paul II. "Laborem exercens" (1981), "Sollicitudo rei socialis" (1988) und "Centesimus annus" (1991).
Gemeinwohl und gerechter Ausgleich
Während der Begriff des Gemeinwohls zunächst auf den einzelnen Staat angewandt wurde, wird er in "Mater et magistra" auf die ganze Menschheit bezogen. In "Populorum progressio" verlangt der Papst explizit einen gerechten Ausgleich zwischen entwickelten und unterentwickelten Ländern. In "Centesimus annus" geht es um Wirtschaftssysteme und soziale Gerechtigkeit nach dem Ende des Kommunismus in Osteuropa.
"Laudato si" von Papst Franziskus (2015) gilt zwar als die erste "Umweltenzyklika". Das Schreiben ist aber auch eine "grüne Sozialenzyklika" - denn Franziskus vertritt darin eine "ganzheitliche Ökologie" aus Sicht der Ärmsten.
Ausdruck der obersten Lehrgewalt des Papstes
Enzykliken beanspruchen ein hohes Maß an Verbindlichkeit. Sie werden in der katholischen Kirche als Ausdruck der obersten Lehrgewalt des Papstes verstanden, sind aber keine unfehlbaren Lehrentscheidungen im dogmatischen Sinn.
Die Zahl der päpstlichen Rundschreiben beläuft sich seit Mitte des 18. Jahrhunderts auf mehrere hundert. Begründet wurde die Tradition der Enzykliken von Benedikt XIV. (1740-1758), der kurz nach seinem Amtsantritt das Schreiben "Ubi primum" über die Amtsführung von Bischöfen veröffentlichte.
Am Pfingstmontag erscheint mit "Magnifica humanitas" die erste Enzyklika von Papst Leo XIV. - Unterzeichnet hat das Kirchenoberhaupt sein Lehrschreiben nicht zufällig genau 135 Jahre nach dem Rundschreiben "Rerum novarum" von Leo XIII., dem grundlegenden Dokument der katholischen Soziallehre - Von Alexander Brüggemann (KNA)