Historiker: Papst könnte in Krisen als "ehrlicher Makler" auftreten
08.05.202611:40
(zuletzt bearbeitet am 08.05.2026 um 14:10 Uhr)
Deutschland/Papst/Kirche/Diplomatie/Konflikte/Leo
Papsttums-Experte Reinhard in "communio.de"-Interview zu 1 Jahr Papst Leo: Als "vorsichtiger Konservativer" steht Leo XIV. in einer langen Tradition - Kirchenhistoriker Ernesti: Papst für Italiener der "Papa Calmo" - Experte Politi: Leos innerkirchliches Profil noch im Aufbau - Theologe Bauer: Leo XIV. ein sanfter Löwe und besonnener Reformer
Freiburg, 08.05.2026 (KAP) Der Historiker Volker Reinhardt traut dem Papst eine Vermittlerrolle in globalen Konflikten zu: "Leo XIV. könnte in den gegenwärtigen Krisen vielleicht als ehrlicher Makler auftreten." Das betonte der Papsttums-Experte, der bis 2024 als Professor für Allgemeine und Schweizer Geschichte der Neuzeit in Fribourg gelehrt hat, am Freitag im Gespräch mit dem Portal "communio.de". Diese Rolle traue er dem Papst deswegen zu, weil das Papsttum "eine Mitte zwischen Raubtierkapitalismus einerseits und Kommunismus andererseits" halte und spätestens seit Papst Johannes XXIII. (1958-1963) für "humanitäre Werte" einstehe. Heute wäre Papst Leo in seiner zurückhaltenden Art "durchaus geeignet", um eine Vermittlerrolle einzunehmen, so Reinhardt.
Mit seiner zurückhaltenden und ausgleichenden Art stehe Leo XIV. zudem in einer langen Tradition: "Von wenigen Ausnahmen abgesehen, wurden kompromissfähige Persönlichkeiten gewählt, die nicht marktschreierisch auftraten und nicht schrill agierten". Leo XIV. erfülle genau diese Rolle einer "kompromissfähigen Persönlichkeit", die "ausgleichend" wirke - und für die er auch gewählt worden sei. Charismatiker auf dem Papstthron - wie etwa sein Vorgänger Franziskus - seien historisch gesehen eher die Ausnahme, so der Historiker.
Auch im Blick auf die Fortführung des von Franziskus begonnenen Synodalen Prozesses zeigte sich der Historiker überzeugt, dass dieser Weg ein vorsichtiger und zurückhaltender sein werde. Synodalität bedeute für Leo schlichtweg Beratung, nicht die Relativierung päpstlicher Vollmacht. Auch hier sehe er Leo durchaus in Tradition mit Franziskus: "nicht progressiv, nicht reformfreudig, nicht liberal im gängigen Sinn, sondern zu gewissen Zugeständnissen in der Form bereit, nicht aber in der Substanz". In der Substanz bleibe der Papst der lehramtlich ihm zugedachten Form der Ausübung päpstlicher Vollmacht treu.
Leo XIV. ist "Papa Calmo"
Als "Papa Calmo", Überwinder von Polarisierung sowie Stimme gegen Gewalt und politische Instrumentalisierung von Religion: Leo XIV. prägt laut Historikern und Theologen einen neuen Stil. Während der 2025 verstorbene Papst Franziskus "ein Eisbrecher" gewesen sei, versuche Leo "den von Franziskus angestoßenen Wandel in ein festes Regelwerk zu gießen", sagt dazu Vatikan-Experte Marco Politi in der "Kleinen Zeitung" (Ausgabe 8. Mai). Beide Päpste eine aber "die Vision von einer weltoffenen Kirche, die alle einschließt".
Der 267. Papst der Kirchengeschichte gelte als selbstbewusster, aber moderater Reformer, der innerkirchlich auf Kontinuität und Stabilisierung setzt aber zugleich Spannungen in der Weltpolitik - etwa durch deutliche Kritik an Donald Trumps Politik und Kriegen - nicht scheut, so Politis Analyse.
Während Leo XIV. außenpolitisch zunehmend als moralische Stimme gegen Gewalt und politische Instrumentalisierung von Religion wahrgenommen werde, bleibe aber sein innerkirchliches Profil noch im Aufbau. So bemüht er sich laut Politi zwar um Ausgleich zwischen Reformern und Traditionalisten, steht aber weiterhin vor ungelösten Großthemen wie Frauenordination, synodalem Prozess und Priestermangel.
Ernesti: Theologisches Outing überfällig
Kirchenhistoriker Jörg Ernesti äußerte sich am Donnerstag im "Deutsche Welle"-Interview überrascht darüber, wie bedächtig und reflektiert der Papst sein Amt angehe. In Italien werde er bereits als "Papa Calmo" bezeichnet, als der ruhige Papst. "Alles, was er von sich gibt, wirkt sehr durchdacht und schlüssig", sagte Ernesti laut Katholischer Nachrichten-Agentur (KNA). Dem Papst sei es aus seiner Sicht ein Anliegen, den Konsens über die Erneuerung der Kirche auf möglichst breite Füße zu stellen und alle mitzunehmen.
Allerdings sei ein "theologisches Outing" in einer ersten großen Enzyklika überfällig: Päpste hätten in einer solchen Enzyklika "gewissermaßen ihr theologisches Programm formuliert", so der Kirchenhistoriker. Er erwartet eine baldige "theologische Gesamtschau": "Es wäre ungewöhnlich und eigentlich zu wenig, wenn sich Leo schwerpunktmäßig nur zu einer konkreten Frage, beispielsweise der Bedeutung von KI, äußern würde."
Bauer: Sanfter Löwe und besonnener Reformer
Der Münsteraner Theologe Christian Bauer bezeichnet Papst Leo als besonnenen Reformer, "der die Kunst subtiler, aber nachhaltiger Systemveränderung zu beherrschen scheint". Auch seine jüngsten Äußerungen zum umstrittenen Segen für gleichgeschlechtliche Paare seien diesbezüglich ein "Meisterwerk", schrieb Bauer im theologischen Portal "feinschwarz.net". Der Papst habe die "Interviewfalle eines Journalisten" umgangen und sich einer eindeutigen Verurteilung verweigert. Erst nach einer "relativierenden Redimensionierung des Problems" habe er die bekannte römische Position wiederholt. Zugleich habe er aber auch eine "Tür für morgen offen" gehalten.
Laut Auffassung des Professors für Pastoraltheologie und Homiletik sollte man Papst Leo wegen seiner offenkundigen Freundlichkeit nicht unterschätzen, denn er sei "nicht nur sanftmütig, sondern auch sanftmutig. Umsichtig, aber nicht feige." So sei Papst Leo ein "sanfter Löwe", der aber irgendwann seine Krallen ausfahren und über das Erbe seines Vorgängers hinausgehen müsse: "Für seine mutig nach Außen hin vertretenen Optionen von Frieden, Gerechtigkeit und Gleichheit muss er dann konsequenterweise auch im Innen der Kirche eintreten", so Bauer, der u.a. bereits Universität Innsbruck lehrte.
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