Augustiner-Regionalvikar: Leo XIV. bleibt seiner Ordenstradition treu
05.05.202613:19
Österreich/Kirche/Papst/Jahrestag/Orden
Wiener Prior P. Sadrawetz zum Papstwahl-Jahrestag: Aktueller Nachfolger Petri zeigt weiter seine Prägung durch Augustinus und ist mit Afrikareise nun "wirklich im Pontifikat angekommen" - Dialog, Gelassenheit und Synodalität als bestimmende Leitlinien
Wien, 05.05.2026 (KAP) Auch ein Jahr nach seiner Wahl an die Kirchenspitze zeigt Papst Leo XIV. in seinem Handeln und Führungsstil weiterhin die Prägung durch den Augustinerorden: Das hat der Leiter des Augustiner-Regionalvikariats Wien, P. Dominic Sadrawetz, am Dienstag im Interview mit der Nachrichtenagentur Kathpress dargelegt. "Er ist Papst und bleibt doch Augustiner", sagte der aus Bayern gebürtige Sadrawetz, der den heutigen Papst schon seit Jahrzehnten kennt - aus der Zeit, in der Robert Francis Prevost Generaloberer des weltweiten Augustinerordens war.
Wenn Mönche Papst werden, erlischt ihre rechtliche Einbindung in die Ordensgemeinschaft, da sie dann über jeder Ordens- und Kirchenstruktur stehen. Seine Herkunft aus dem Augustinerorden ist Leo XIV. jedoch weiterhin anzumerken, er hat in den vergangenen zwölf Monaten oftmals auf sie verwiesen. "Er sagt selbst immer wieder, dass er ein Sohn des heiligen Augustinus ist - weshalb wir ihn nach wie vor als unseren Mitbruder sehen", so Sadrawetz. Freilich mit Einschränkungen: "Die persönliche Anrede des vertrauten 'Du', die wir einst pflegten, passt für mich heute nicht mehr. Er ist schließlich Papst."
Sadrawetz war vor der Papstwahl dem damaligen Kardinal Prevost zuletzt beim Jubiläum der Wiener Augustinerkirche Ende 2024 begegnet, danach wieder beim Augustiner-Generalkapitel im September 2025 in Rom. Leo XIV. leitete dort die Eröffnungsmesse, kam danach zum Abendessen und nahm später an einer Sitzung teil. "Er meldete sich dort wie alle anderen zu Wort", berichtete Sadrawetz. Auffällig sei auch, dass der Papst seinem Stil treu geblieben sei: "Er nimmt die Leute wahr, schaut immer, was um ihn herum geschieht, und vergisst niemanden. Als er mich ansprach, ließ er gleich meinen beiden anderen Wiener Mitbrüdern Grüße ausrichten und wusste ihre Namen."
Lebendiges Beispiel für Augustinus
Die Augustiner hätten durch Leo XIV. bereits jetzt Auftrieb erhalten, durch erhöhte Aufmerksamkeit für ihre Spiritualität und ihr Wirken. "Wir sind im deutschsprachigen Raum eine sehr kleine Gemeinschaft und waren daher vorher wenig bekannt. Das hat sich mit der Papstwahl geändert, auch was das Interesse für unsere Spiritualität betrifft. Es gibt jetzt deutlich mehr Anfragen zum heiligen Augustinus als früher", so Sadrawetz, der auch Prior des Wiener Augustinerklosters ist. Für ihn persönlich bewirke Leo XIV. eine "Vertiefung der Freude meiner Berufung zum Augustiner, als Priester und auch überhaupt als Christ". Von fast jeder Botschaft und Wortmeldung des Papstes könne er sich dafür etwas mitnehmen.
In augustinischer Leseart sind auch zentrale Charakterzüge des Papstes aus der Ordenstradition erklärbar: Der Papst demonstriere Gelassenheit, lasse sich von Problemen nicht aus der Ruhe bringen, weiche ihnen aber nicht aus und pflege vor seinen stets pointierten und wohlüberlegten Wortmeldungen und Entscheidungen ein "in sich Hineinhören". Sadrawetz: "Das Augustinische ist ein Weg zuerst nach Innen. Es ist das Bewusstsein, dass Gott zuerst im eigenen Herzen wohnt und dort gesucht werden will, ehe man davon erfüllt nach außen geht, auf die Menschen zu. Das gelingt Papst Leo unglaublich gut." Ähnliches gelte für den Grundsatz, stets auf das Umfeld zu schauen, den Dialog zu suchen und das Gegenüber ernst zu nehmen.
Kontrapunkt zur Schnelllebigkeit
Freilich: Dass der Pontifex aufgrund dieser Zugangsweise weniger spontan wirkt und sich die nötige Zeit für Entscheidungen lässt, werde mitunter als Schweigen des Papstes zu bestimmten Themen ausgelegt. "In der heutigen Logik mit den schnellen Antworten geht es manchen zu langsam. Doch davon lässt sich Leo weder beeindrucken noch drängen, sondern er geht seinen Weg weiter", sagte Sadrawetz. Geduld sei hier angebracht und genaues Hinhören, was den Medien nicht immer gelinge: "Ich habe den Eindruck, es wird immer mehr gehört als tatsächlich gesagt wurde. Man will Schlagzeilen liefern, gegen die sich der Papst zur Wehr setzt und sagt, er werde falsch interpretiert."
Das gelte auch für die aktuelle Auseinandersetzung mit US-Präsident Donald Trump, der zu Beginn der jüngsten Afrika-Reise des Papstes mit mehreren Verbalattacken gegen das Kirchenoberhaupt aufgefallen war. Leo XIV. habe Trump jedoch nicht direkt kritisiert, wie er später selbst sagte. Wenn sich der US-Präsident von der Osteransprache des Papstes dennoch angegriffen fühlte, "stünde es ihm jedoch gut, darüber nachzudenken, warum er sich aufregte", befand Sadrawetz.
Aus Franziskus-Schatten hervorgetreten
Auch sonst sei Leo mit der Afrikareise - die mit elf Tagen die mit Abstand längste im bisherigen Pontifikat war - "endgültig im Papstamt angekommen", so der Eindruck von Sadrawetz. "Im ersten Jahr hat er die Agenden seines Vorgängers Franziskus zu Ende geführt, darunter vor allem das Heilige Jahr 2025. Jetzt tritt er hervor und nimmt Stellung zu Problemen und sozialen Fragen." In Erinnerung bleibe besonders die Botschaft des Dialogs von Muslime und Christen beim Besuch in der antiken Augustinus-Wirkstätte Hippo Regius in Algerien, sowie die Begegnung mit Häftlingen in Äquatorialguinea, denen der Papst eindrucksvoll vermittelt habe: "Ihr seid nicht vergessen, sondern geachtet."
Was die Kirchenpolitik betrifft, sieht der Wiener Augustiner-Regionalvikar den Papst-Wahlspruch "In illo uno unum" ("In dem Einen sind wir eins") als richtungsweisend. Der Papst sei um den gemeinsamen Weg mit dem Blick auf das Verbindende bemüht, ob bei Begegnungen mit den Kurienmitarbeitern, dem Dialog mit Traditionalisten oder mit der Kirche in Deutschland. "Leo verfolgt keine Einheit, in der alle gleich sind, sondern strebt danach, dass die vielen eins sind in Christus, im Suchen nach Gott und nach der Wahrheit. Verschiedenheit gilt es dabei auszuhalten", umriss Sadrawetz die päpstliche Linie. Diese gelte auch beim weiteren Einsatz für eine synodale Kirche, mit der der Papst aus seiner Ordenstradition längst vertraut sei.
(Weitere Meldungen und Hintergründe zum ersten Jahrestag der Wahl von Papst Leo XIV. im Kathpress-Dossier unter www.kathpress.at/ein-jahr-papst-leo)