Theologe Hoff: Papst Leo hat an Autorität gewonnen
04.05.202613:24
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Salzburger Theologe zieht in "Furche"-Beitrag Positiv-Bilanz zu einem Jahr Papst Leo XIV. - "Papst des Ausgleichs und friedensbewegter Diplomatie" - Viele Fragen aber noch offen
Wien, 04.05.2026 (KAP) Ein durchaus positives Resümee des ersten Jahres von Papst Leo XIV. hat der Salzburger Theologe Prof. Gregor Maria Hoff gezogen. In einem am Montag veröffentlichten Beitrag für die Wochenzeitung "Die Furche" (online) befindet Hoff, dass der Papst zuletzt an Autorität gewonnen habe. Hoff bezeichnet Leo u. a. als "Papst des Ausgleichs und friedensbewegter Diplomatie". Viele wegweisende innerkirchliche Entscheidungen des neuen Kirchenoberhaupts, etwa auch auf personeller Ebene, stünden freilich noch aus, so der Professor für Fundamentaltheologie und Ökumene an der Universität Salzburg.
Grundsätzlich habe "pontifikale Behutsamkeit" die bisherige Amtsführung Leos geprägt, erklärt Hoff. Zugleich zeichneten sich mit der Ankündigung seiner ersten Enzyklika theologische Konturen ab. Unter dem Titel Magnifica humanitas ("Die großartige Menschheit") soll sich das Lehrschreiben der Herausforderung Künstlicher Intelligenz stellen. Der Papst greife damit das große Thema des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962-65) unter radikal veränderten Bedingungen auf: die Frage nach dem Menschen in der Welt von heute, so Hoff.
Gegenüber der mitunter sprunghaften Kommunikationspolitik des späten Franziskus agiere sein Nachfolger diplomatisch ausgleichender. Hoff: "Während Barmherzigkeit das Kennwort des Bergoglio-Papstes war, steht Leos Regie unter dem Handlungsvorzeichen des Friedens." Der erste Gruß des neu gewählten Papstes - "Der Friede sei mit euch allen!" - verbinde Segen und Aufforderung. So wirkungslos pontifikale Adressen politisch in der Regel bleiben - unter Leo habe sich etwas geändert, ist der Theologe überzeugt.
Leos Gelassenheit entschleunige, selbst wenn er unmissverständliche Kritik an den gewaltbesetzten Machtfantasien des US-Präsidenten äußere. Das wirke auf einen "impulsgesteuerten Narzissten" wie Donald Trump freilich provozierend, so Hoff. Trumps Attacken auf Leo XIV. stärkten aber nicht nur den innerkatholischen Zusammenhalt, sondern hätten weltweite Solidarität mit dem Papst ausgelöst. Wie US-amerikanische Katholiken bei den Midterms im November wählen, könnte eine Schicksalsfrage für Trumps Republikaner und seine MAGA-Bewegung werden. Katholischer Integralismus, dem Vizepräsident James David Vance nahesteht, sei Leos Sache jedenfalls nicht, so Hoff.
Und auch wenn kein Krieg auf päpstlichen Zuruf beendet wurde: "Die Stimme des ersten US-Amerikaners auf dem Stuhl Petri findet weltweit Beachtung. Prophetisch unbeirrbar bringt Leo die Friedensbotschaft des Evangeliums gegen jede Normalisierung von Politik mit militärischen Mitteln in Stellung", würdigt Hoff.
Gelingt der Weg aus der patriarchalen Kirchenkultur?
Leos sympathisches Auftreten ziehe an, "seine lächelnde Verbindlichkeit wirkt auch innerkirchlich weniger konfrontativ als der impulsive Vorwärtsdrang von Franziskus". Der charismatische Vorgänger habe die römische Kirchenkultur auf mitunter brachiale Weise verändert. Aber selbst Franziskus habe sich der Beharrungskraft kurialer Amtsträger nur bedingt entziehen können. Was der Papst aus dem synodalen Reformprojekt von Franziskus macht, entscheidet sich laut Hoff an konkreten Herausforderungen. Ein Beispiel sei die Rolle der Frauen in der Kirche. Hoff: "Leo will sie stärken, kuriale Leitungsaufgaben eingeschlossen."
Doch viel sei noch offen: "Wo steht der Papst im Ringen um die Frage, ob Frauen wenigstens zum diakonalen Amt zugelassen werden?" Immer mehr Bischöfe und Kardinäle würden Bewegungsspielräume sehen, während die Kräfte katholischer Bewahrung einen Bruch mit der Tradition fürchten. Es entspreche dem pontifikalen Stil Leos, "dass er der synodalen Transformation seiner Kirche Zeit lässt". Noch sei aber nicht entschieden, "dass es unter der Regie dieses Papstes einen Weg aus der patriarchalen Kirchenkultur geben wird".
Die kirchenpolitischen Weichenstellungen seines Vorgängers nehme Leo jedenfalls nicht zurück, auch wenn er sanfte Korrekturen vornimmt, so Hoff: "Die Liebhaber der alten Messform erhalten unter Leo wieder mehr Spielraum. Im liturgischen Habitus vermittelt sich katholischer Gleichgewichtssinn - für das überraschend kurze Konklave ein Anhaltspunkt. Die Franziskus-kritischen Kardinäle dürften sich von Robert Prevost katholische Traditionssicherheit versprochen haben, mutmaßt der Theologe. Nachsatz: "Es mag eine Marginalie sein, aber sie ist signifikant."
Während sein Vorgänger in der Gründonnerstags-Liturgie Strafgefangenen die Füße wusch, wählte Leo XIV. Priester für diese Zeichenhandlung, erinnert Hoff weiter: "Die Stärkung der Brüder ist auch ein Signal kirchlicher Amtslogik."
Päpstliche Personalpolitik
Der "Papst des Ausgleichs und friedensbewegter Diplomatie" stehe im zweiten Jahr seines Pontifikats vor richtungsweisenden Entscheidungen. Die Personalpolitik von Leo XIV. werde Wegmarken setzen, so Hoff. Er nennt ein Beispiel: "Wer folgt zum Beispiel auf Kardinal Arthur Roche als Präfekt des Dikasteriums für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung? Ein liturgischer Ästhet mit einer Vorliebe für Kaseln im römischen Schnitt und Anspruch auf kuriale Ordnungsmacht? Oder ein Akteur mit Sinn für ortskirchliche Gestaltungsmöglichkeiten?"
Noch habe Leo keine Kardinäle ernannt. So stelle sich die Frage, ob er in seinem ersten Konsistorium der Tendenz von Franziskus folge, die Kirchenpolitik der Ränder ins Symbolische zu übersetzen? Hoff hält es allerdings für wahrscheinlicher, dass Leo wieder "die üblich-verdächtigen Bischofssitze in angestammtes kardinales Recht" setzen wird. Denn: Nach den "Besetzungsturbulenzen" von Franziskus müsse Leo darauf achten, "die kirchlichen Fliehkräfte zu binden". Zwischen synodalen Ambitionen und konservativen Erwartungen gehe es um die Souveränität des Papstes - gerade als Vermittler.
Ächtung von Machtmissbrauch
Was Leo zuletzt auf seiner Afrika-Reise angemahnt hat, gelte gleichermaßen jedenfalls auch für die Kirche, mahnt Hoff an: die sozialpolitisch gemünzte Forderung nach einem "Klima echter Freiheit", die Absage an jede Form von Diskriminierung und die Ächtung von Machtmissbrauch.
Zuletzt befindet Hoff, dass eine Stärkung katholischer Menschenrechtsperspektiven im Kardinalskollegium ein Signal entschiedener Kircheninnenpolitik setzen könnte: "Warum nicht Aufklärer des katholischen Missbrauchs oder einen dissidenten Kinderschutzexperten wie Hans Zollner in kardinalen Rang erheben, der aus der päpstlichen Kommission ausstieg, weil sie weder transparent noch hinreichend entschieden vorging?"
(Weitere Meldungen und Hintergründe zum ersten Jahrestag der Wahl von Papst Leo XIV. im Kathpress-Dossier unter www.kathpress.at/ein-jahr-papst-leo)
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