Seit einem Jahr sitzt der erste US-Amerikaner auf dem Papstthron
30.04.202611:45
Vatikan/Papst/Kirche
Leos XIV. erstaunliche Wandlung vom Lamm zum Löwen - Von Kathpress-Rom-Korrespondentin Sabine Kleyboldt
Vatikanstadt, 30.04.2026 (KAP) Paukenschlag nach elf Monaten im Amt: "Ich fürchte weder die Trump-Regierung noch das offene Aussprechen der Botschaft des Evangeliums", sagte Papst Leo XIV. Mitte April im Flieger nach Afrika. Der erste US-Amerikaner auf dem Stuhl Petri zeigte plötzlich Krallen statt Samtpfoten. Und das ausgerechnet an die Adresse des Präsidenten seines Geburtslandes.
Aus Sorge vor derartigen weltpolitischen Verwicklungen schien lange ausgeschlossen, dass das mächtigste Land der Erde zugleich auch das Oberhaupt der 1,4 Milliarden Katholiken stellen könnte - bis zur Wahl von Robert Francis Prevost am 8. Mai 2025. Doch rasch war klar, dass der erste Papst der Boomer-Generation eher Kosmopolit als ein typischer "Ami" ist - und auch alles andere als eine Art geistlicher Assistent von Donald Trump und James David Vance.
Multitalent und Kosmopolit
Geboren am 14. September 1955 in Chicago als dritter Sohn eines Lehrers und einer Bibliothekarin mit französischen, italienischen, spanischen und kreolischen Wurzeln; promovierter Kirchenrechtler mit Abschlüssen in Mathematik und Physik, seit 1977 Mitglied und später Leiter des Augustinerordens, gut 20 Jahre Missionar und Bischof in Peru, dessen Staatsangehörigkeit er auch hat; zuletzt Präfekt der vatikanischen Bischofsbehörde - all das machte rasch die Runde über den bescheiden lächelnden Mann, der nach dem "Habemus Papam" auf dem Balkon des Petersdoms erschien.
Dass er schon bei seinem ersten Auftritt den roten Schulterumhang "Mozetta" trug, zeigte, dass Papst Prevost Traditionen schätzt, ohne ein Ultrakonservativer zu sein. Inzwischen macht sein Faible für eine liebevoll orchestrierte Liturgie manche Messe geradezu zum Erlebnis. Und wann hat man zuletzt einen Papst mit voller und geübter Stimme singen hören?
Zudem variiert der polyglotte Papst nach Belieben zwischen Italienisch, Englisch und Spanisch, spricht Französisch und etwas Portugiesisch. Und Deutsch paukt das internetaffine Multitalent angeblich per Sprach-Lern-App.
Der mit jetzt 70 Jahren noch relativ junge Pontifex und Hobby-Tennisspieler zeigt sich körperlich so fit wie kein Papst seit 40 Jahren. In seiner im März bezogenen Wohnung am Petersplatz nutzt er angeblich einen Fitnessraum.
Brückenbauer statt Hitzkopf im Papstamt
Sympathische Details, die aber für die 133 Kardinäle im Konklave vor einem Jahr wohl kaum wahlentscheidend waren. Nach dem impulsiven Argentinier Franziskus (2013-2025), auf den sich sein heutiger Nachfolger immer wieder beruft, wünschten sich viele einen "Brückenbauer": Prevost war als guter Zuhörer bekannt, setzte auf Dialog statt auf Konfrontation und ließ sich weder von "Konservativen" noch von "Progressiven" vereinnahmen.
So soll er laut Vatikankreisen bereits im ersten Wahlgang überraschend viele Stimmen erhalten haben - auch, so heißt es, dank der geschlossen auftretenden Gruppe der US-Kardinäle. Nach dem erfolgreichen vierten Wahlgang setzte Leo XIV. mit seinem "Der Friede sei mit euch allen" auf der Loggia des Petersdoms dann das Thema seines Pontifikats.
In Afrika wird Leo vom Lamm zum Löwen
Manchen schien Leo XIV. der lateinischen Bedeutung seines Papstnamens anfangs nicht gerecht zu werden, schien eher Lamm als Löwe. Seine wiederholten Friedensappelle wirkten eher zahm.
Das hat sich mit den Einsätzen der US-Streitkräfte in Venezuela und im Iran grundlegend geändert. Unmissverständlich geißelt er seither eine immer brutalere Kriegsrhetorik - auch und gerade die aus Washington.
Trump ätzt gegen seinen Landsmann
Der Showdown kam in der Nacht vor Leos langer Afrikareise, als US-Präsident Donald Trump gegen seinen Landsmann ausholte. Dieser sei "SCHWACH im Umgang mit Kriminalität und eine Katastrophe in der Außenpolitik", ätzte Trump auf Truth Social.
"Leo sollte sich als Papst zusammenreißen, seinen gesunden Menschenverstand einsetzen, aufhören, der radikalen Linken nach dem Mund zu reden, und sich darauf konzentrieren, ein großer Papst zu sein, kein Politiker", so Trumps Tiraden.
Mutige Reaktion des Papstes
Mit seiner souverän wirkenden Replik ließ Leo XIV. viele aufhorchen. Er sei kein Politiker und wolle sich nicht auf eine Debatte mit Trump einlassen. Aber er werde weiter versuchen, Kriege zu beenden und Frieden zu fördern, so das Oberhaupt der weltgrößten Religionsgemeinschaft gegenüber dem militärisch mächtigsten Mann der Welt.
Der Schlagabtausch zwischen dem Mann in Weiß und dem Mann im Weißen Haus sollte sich noch hinziehen - bis Leo XIV. klarstellte, manche seiner Äußerungen seien als Angriffe gegen Trump überinterpretiert worden. Trotz dieser diplomatischen Volte: Dass der eher leise Leo XIV. laut werden kann, ohne die Stimme zu erheben, beeindruckte. Und nun kann aus dem Löwen im Papstamt auch eine weltweite moralische Instanz werden - nicht nur für Katholiken.
(Weitere Meldungen und Hintergründe zum ersten Jahrestag der Wahl von Papst Leo XIV. im Kathpress-Dossier unter www.kathpress.at/ein-jahr-papst-leo)
Ordensmann und Papst-Biograf Batlogg in Interview mit Kirchenzeitungen: Leo XIV. ist nach nach einem Jahr nun "hineingewachsen ins Amt" - "Einen Papst Leo gäbe es nicht ohne Franziskus" - Thema Synodalität bleibt auch unter Leo wichtig