Friedensforscher Palaver in Kirchenzeitungs-Interview für "dritten Weg" zwischen passiver Hinnahme und gewaltsamer Gegenwehr nach dem Vorbild Mahatma Gandhis
St. Pölten, 17.04.2026 (KAP) Zu zeitgemäßen Wegen zu Gewaltverzicht und Konfliktlösung ruft der Innsbrucker Friedensforscher Wolfgang Palaver auf und sieht dafür brauchbare Ansätze bei Mahatma Gandhi und Nelson Mandela. Frieden sei kein Zustand, sondern ein Prozess, der aktives Handeln verlange, sagte der Sozialethiker, der soeben sein Buch "Für den Frieden kämpfen. In Zeiten des Krieges von Gandhi und Mandela lernen" neu aufgelegt hat, in einem Interview mit der St. Pöltner Kirchenzeitung "Kirche bunt" (aktuelle Ausgabe).
Derzeit liege die nach 1945 entstandene regelbasierte internationale Ordnung, die den Kern der EU ausmache, fast in Trümmern, so Palaver. Vollständig zusammengebrochen sei sie zwar nicht, die Unsicherheit sei jedoch groß. Europa stehe damit vor einer grundlegenden politischen und sicherheitspolitischen Herausforderung, während zugleich machtpolitische Logiken wieder an Bedeutung gewinnen würden.
Gewaltfrei Widerstand leisten
Für den Umgang mit Gewaltkonflikten verwies Palaver auf Gandhi als Schlüsselfigur gewaltfreien Widerstands. Von ihm könne man lernen, "dass Gewaltfreiheit ein wirksames Mittel ist, um sich Unrecht entgegenzustellen, ohne zu den gleichen Mitteln zu greifen". Gandhi stehe für einen "dritten Weg" zwischen passiver Hinnahme und gewaltsamer Gegenwehr. Dieser Ansatz sei gerade für christliche Friedensethik bedeutsam, weil er die Bergpredigt neu verstehbar mache, und zwar nicht als Einladung zur Wehrlosigkeit, sondern als Form aktiven Widerstands ohne Gewaltspirale.
"Die Botschaft Jesu heißt nicht, dem Bösen nachzugeben und dem Bösen seinen Lauf zu lassen, aber es heißt auch nicht, das Böse mit denselben Mitteln zu bekämpfen und so zum Spiegelbild des Täters zu werden. Sondern der 'dritte Weg' heißt, dem Bösen widerstehen ohne in der Wahl der Mittel zum Spiegelbild des Gegners zu werden", so Palavers Deutung des Jesus-Wortes "Wenn dich einer auf die Backe schlägt, halt die andere hin". Gandhi habe diesen Zugang für die Gegenwart neu erschlossen, die Bergpredigt besser verständlich gemacht und zugleich auch die Friedensethik geschärft.
Zugleich warnte Palaver vor vereinfachendem Pazifismus. Gandhi selbst habe differenziert argumentiert, insbesondere im Blick auf konkrete Konflikte. "Es wäre eine falsche pazifistische Haltung, wenn man sagt: okay, die sind gleich und die sollen aufhören", sagte Palaver mit Blick auf aktuelle Kriege wie jenen zwischen Russland und der Ukraine. Entscheidend sei die Unterscheidung zwischen Angreifer und Verteidiger. Gandhi habe auch den militärischen Widerstand Polens gegen den nationalsozialistischen Angriff als "fast gewaltfrei" eingeordnet. Langfristig bestehe dennoch auch hier die Gefahr, dass Gewaltspiralen zur Eskalation führen und die Rollen verwischen.
Politische Führung soll kanalisieren
Auch Nelson Mandela steht für Palaver in einer Weiterentwicklung dieser Linie. Mandela habe die Dynamik von Gewalt und Eskalation klar erkannt, zugleich aber politische Handlungsmöglichkeiten geschaffen. "So wie Gandhi war ihm sehr bewusst, dass Gewalt ansteckend ist und zur Eskalation neigt", sagte Palaver. Zugleich habe Mandela durch die Wahrheits- und Versöhnungskommission gezeigt, dass politische Führung Konflikte kanalisieren könnte statt gesellschaftliche Brüche weiter eskalieren zu lassen. "Sinngemäß sagte Mandela: 'Nichts zwingt uns, dass wir das in Vergeltung ummünzen. Es soll immer Vergebung vor Vergeltung wirken.'" Friede sei demnach nicht Verdrängung von Unrecht, sondern bewusste Entscheidung gegen Vergeltungslogik.
Eine zentrale Rolle in der internationalen Friedensordnung weist Palaver der katholischen Kirche zu. Sie sei "im Moment die stärkste Stimme für den Multilateralismus", so der Theologe. Papst Franziskus habe mit dem Bild eines "Gewebes" gearbeitet, das für Dialog und Vernetzung stehe, im Gegensatz zu einem machtpolitischen "Schachbrett". Dieses Bild, das in abgewandelter Form auch sein Nachfolger Leo XIV. verfolge, lasse sich bis auf die kleinste Ebene herunterbrechen. "Überall dort, wo Menschen Räume der Begegnung schaffen, sich vernetzen und am Miteinander arbeiten, entsteht ein soziales Gewebe, auf dem Multilateralismus und konstruktive Politik aufgebaut werden können", so Palaver.
Hoffnung sei laut Palaver angesichts der heutigen Krisenlage notwendig, dürfe aber nicht naiv sein, da sie sonst ähnlich gefährlich werde wie ein Fortschrittsglaube, der reale Gefahren ausblendet. Entscheidend sei, "den nächsten Schritt zu tun, den wir jetzt schon sehen und gehen können."