Ungarischer Piaristen-Provinzial Zsódi: Für Kirche steht in jeder politischen Situation Verkündigung des Evangeliums im Zentrum - Theologe Görföl erwartet keine große Wende in Staat-Kirche-Beziehungen
Budapest, 14.04.2026 (KAP) In Ungarn steht nach dem Sieg der Opposition bei der Parlamentswahl vom Sonntag ein von vielen Beobachtern als historisch bezeichneter Machtwechsel bevor. Angesichts der vor der Wahl veröffentlichten Umfragen sei zwar durchaus mit einem Sieg der Tisza-Partei von Péter Magyar zu erwarten gewesen; das "Ausmaß des Mandats" sei für ihn aber eine "deutliche Überraschung", sagte der Vorsitzende der Konferenz der männlichen Ordensoberen in Ungarn, Viktor Zsódi, auf Anfrage der Nachrichtenagentur Kathpress (Dienstag).
Magyars Tisza-Partei holte nach Auszählung fast aller Stimmen des Urnengangs am Sonntag 136 von 199 Sitzen im neuen Parlament. Damit verfügt sie künftig über eine Zweidrittelmehrheit, die nötig ist, um politisch besetzte Behörden umzubesetzen und den Machtapparat von Ministerpräsident Viktor Orbán und dessen Fidesz-KDNP-Parteikoalition neu zu strukturieren.
Zu den künftigen Beziehungen zwischen Kirche und Staat verwies Zsódi darauf, dass das Konkordat über "Regierungswechsel hinweg Bestand" habe und damit eine verlässliche Grundlage der bisherigen Zusammenarbeit bilde. Die Kirche hoffe auf einen "vernünftigen, gehaltvollen Dialog", so der Provinzial der ungarischen Piaristen. Alle gesellschaftlichen Kräfte müssten für das gemeinsame Interesse des Landes, insbesondere für die Jugend, zusammenarbeiten.
Der Ordensoberen-Vorsitzende betonte zugleich, die Kirche müsse an der Verkündigung des Evangeliums als ihrer grundlegenden Sendung festhalten: "Das Evangelium wird immer gebraucht, und wir müssen uns in jeder Situation darauf konzentrieren; keine äußeren Einflüsse können dies gefährden."
Theologe erwartet keine große Wende in Staat-Kirche-Beziehungen
Im Wahlkampf sei es im Kern um eine Entscheidung zwischen östlicher und westlicher Orientierung und die Rolle Ungarns in Europa gegangen, erklärte der katholische Theologe Tibor Görföl im Gespräch mit Kathpress. Im Fokus der politischen Auseinandersetzung zwischen Regierung und Opposition hätten auch ethisch-moralische Fragen im Zusammenhang mit dem Ukraine-Krieg oder von Korruption in Ungarn gestanden, ergänzt durch soziale Themen wie die Lage des Gesundheits- und Bildungssystems sowie eine zunehmende Verarmung der Gesellschaft.
Religion oder das Christentum selbst seien hingegen kein zentrales Thema des Wahlkampfs gewesen sei, sagte Görföl, der Chefredakteur der Zeitschrift "Vigilia" ist und Religionsphilosophie an der Universität Pécs sowie dogmatische Theologie an der griechisch-katholischen Hochschule St. Athanasius in Nyíregyháza lehrt. Dennoch sei ihm aufgefallen, dass religiöse Motive im Wahlkampf der Tisza-Partei mit der Zeit häufiger geworden seien; so habe sich Magyar zunehmend auf das Erbe des Nationalheiligen Stephan berufen und "immer häufiger um Gottes Segen für das ungarische Volk gebeten".
Eine große Wende in den Staat-Kirche-Beziehungen in Ungarn erwartet Görföl angesichts der auch bei Tisza großteils konservativ eingestellten Wählerschaft nicht. Zur genauen Kirchenpolitik der künftigen Regierungspartei sei aber "relativ wenig bekannt".
Görföl: Kirche soll Schweigen beenden
Der Theologe, der erst jüngst in einem Kathpress-Interview gefordert hatte, dass sich die Kirchen in Ungarn wieder stärker von der Politik lösen sollen, um ihre eigentliche Sendung zu stärken, machte noch einmal deutlich, dass die katholische Kirche im Land von der bisherigen weitgehenden "Praxis des Schweigens" zu vielen Fragen wie dem Umgang der Regierung mit Migranten, aber auch Umweltproblemen oder generell eine Ausbreitung von Hass in der Gesellschaft, lösen sollte.
Görföl betonte, die Kirche müsse sich vor allem fragen, ob sie "Hüterin und Verteidigerin der Moral" in der ungarischen Gesellschaft sein wolle und ob sie bereit sei, zumindest jene Positionen zu vertreten, die der Vatikan unter den Päpsten Benedikt, Franziskus und Leo vertreten habe: die zentrale Bedeutung sozialer Gerechtigkeit, die Rechte von Flüchtlingen und den Schutz der Umwelt sowie die Kritik an bestimmten Formen der Kriegsführung.