Experte: Westen unterschätzt religiöse Stabilität im Iran
13.04.202615:30
Iran/Österreich/Krieg/Religion/Gesellschaft/Islam
Islamologe Schulze in APA-Interview: "Religion entscheidet nicht über Kriege, aber darüber, wie lange sie dauern"
Wien, 13.04.2026 (KAP) Der Iran wird im Westen häufig unterschätzt, insbesondere hinsichtlich der Stabilität seines politischen Systems und der Rolle, die religiöse Vorstellungen für diese spielen: Darauf hat der Islamwissenschafter Reinhard Schulze in einem Interview mit der Austria Presseagentur (Montag) hingewiesen. Religiöse Narrative wirkten im ansonsten sehr heterogenen Iran stabilisierend und integrativ, als verbindendes Element über unterschiedliche Gruppen hinweg wie auch zur Rechtfertigung politischer Ziele, so der Experte.
Allgemein entfalte Religion im aktuellen Konflikt zwischen Iran, Israel und den USA vor allem innerhalb der jeweiligen Gesellschaften ihre Wirkkraft, während sie in der direkten Konfrontation nach außen wenig sichtbar sei. Sie werde von allen Beteiligten - auch Saudi-Arabien und den Emiraten - genutzt, um politische Ziele und damit auch Krieg intern zu legitimieren und Zustimmung in der Bevölkerung zu sichern, so Schulze, der bis zu seiner Emeritierung 2018 Professor für Islamwissenschaft und Neuere Orientalische Philologie an der Universität Bern war.
Zum besseren Verständnis des Irans sei das Bewusstsein nötig, dass Religion kaum mehr als eigenständige Grüße existiere, sondern "sehr stark in nationale, teilweise hypernationalistische Diskurse eingebettet" sei, erklärte der Experte. Besonders bedeutsam sei dabei die schiitische Tradition. In Persien erwarte man am Ende der Zeiten den Mahdi, den "verborgenen Imam" - eine Erzählung, die mit einem aktiven gesellschaftlichen Auftrag verbunden sei: "Die Gesellschaft soll so gestaltet werden, dass diese Rückkehr möglich wird."
Daraus ergäben sich auch konkrete politische Deutungen, etwa im Blick auf Israel als Gegner, mit Jerusalem als zentraler Ort der Heilserwartung, den es zu "befreien" gelte. Auch der Umgang mit Gewalt werde durch solchen "religiösen Messianismus" der schiitischen Tradition geprägt. Tote würden "nicht nur als Verluste gesehen, sondern als Teil eines größeren Zusammenhangs", als Beitrag zu einer späteren gerechten Ordnung. Der Märtyrerkult könne dazu beitragen, Konflikte fortzuführen und gesellschaftliche Zustimmung aufrechtzuerhalten. Es reiche im Iran daher nicht aus, einzelne Führungspersonen zu entfernen, da die zugrunde liegenden religiösen und kulturellen Muster bestehen blieben.
Insgesamt sehe er Religion als einen ambivalenten Faktor, was weltweite Konflikte betreffe. Während sie im Iran zentraler Bestandteil des Systems sei, werde sie in anderen Staaten stärker politisch gesteuert. Grundsätzlich gelte: "Religion entscheidet nicht über Kriege, aber darüber, wie lange sie dauern", so Schulzes Einschätzung.