Theologe mahnt zu Eigenständigkeit der Kirchen in Ungarn
19.03.202608:00
Ungarn/Wahl/Religion/Kirche/Politik/Gesellschaft
In knapp drei Wochen wird in Ungarn ein neues Parlament gewählt - Der Wahlausgang im Duell zwischen Ministerpräsident Orban und Oppositionsführer Magyar könnte auch Auswirkungen auf die Kirchen im Land haben
Budapest, 19.03.2026 (KAP) Die Kirchen in Ungarn sollten sich nach Ansicht des katholischen Theologen Tibor Görföl stärker von der Politik lösen. Sie müssten gewissermaßen "zur Mündigkeit zurückfinden", um politische und weltanschauliche Vielfalt aufzunehmen, ohne ihre Grundsätze aufzugeben, sagte er im Gespräch mit der Nachrichtenagentur Kathpress (Donnerstag). Zwar seien die Kirchen etwa zur Finanzierung auf staatliche Unterstützung angewiesen, doch dürfe dies nicht in "Servilität" - also übertriebene Unterwürfigkeit - münden, warnte Görföl. Er forderte eine Kirchenpolitik, die ihre eigentliche Sendung stärkt. Dafür brauche es einen Ansatz, der die gesellschaftliche und moralische Autorität der Kirchen festigt, sie als Partner anerkennt und zugleich ihre Freiheit und Selbstbestimmung wahrt.
Görföl, Chefredakteur der Zeitschrift "Vigilia", lehrt Religionsphilosophie an der Universität Pécs und dogmatische Theologie an der griechisch-katholischen Hochschule St. Athanasius in Nyíregyháza. Das Interview fand vor dem Hintergrund des Wahlkampfs zur Parlamentswahl am 12. April in Ungarn statt. Ministerpräsident Viktor Orbán und seine Fidesz-Partei stehen dabei im Wettstreit mit der oppositionellen Tisza-Partei unter Péter Magyar.
Wie Magyar die Rolle der Kirchen und Religionsgemeinschaften einschätzt, sei noch schwer zu sagen, da er kein Regierungsamt innehabe, erklärte Görföl. Er vermutet jedoch, dass Magyar den Kirchen "tendenziell positiv" gegenübersteht, da dieser ein kirchliches Gymnasium besucht habe und sein Patenonkel der konservative und christlich geprägte Ex-Präsident Ferenc Mádl (1931-2011) gewesen sei.
Aus bisherigen Stellungnahmen der Tisza-Partei lasse sich jedoch ableiten, dass sie die Kirchen vom politischen Einfluss entlasten wolle. Die Orban-Regierung habe die Kirchen in den vergangenen Jahren als strategische Partner behandelt und ihnen zahlreiche gesellschaftliche Aufgaben in den Bereichen Bildung, Pflegefamiliennetzwerke und Altenpflege übertragen. Doch im Land herrsche der Eindruck, dass diese Partnerschaft kein symmetrisches Verhältnis sei, sondern die Kirchen in eine "untergeordnete Rolle" gedrängt habe. Dies müsse sich dringend ändern, betonte Görföl.
Korruption und Verarmung
Zur politischen Lage Ungarns sagte Görföl, das Land gelte seit Jahren als korruptester EU-Staat und habe sich außenpolitisch zunehmend isoliert. Polen, einst ein Verbündeter, habe sich abgewandt, während die Regierung in Budapest verstärkt auf autoritäre Regime wie Russland und China setze. Innerhalb Europas suche sie die Nähe zu russlandfreundlichen populistischen Kräften wie der deutschen AfD.
Görföl sieht zwei zentrale Fragen: die westliche Orientierung Ungarns und den Umgang mit Korruption und wachsender Armut. Besonders problematisch sei aus christlicher Sicht, dass die Regierungspartei Bündnisse mit Akteuren eingehe, die dem Christentum fernstünden oder aus katholischer Perspektive "höchst problematisch" seien. Sollte die gegenwärtige Regierung im Amt bleiben, werde Ungarn weiter an westlicher Bindung verlieren, warnte er.
Zwei Szenarien auch für die Kirche
Für die Zukunft der Kirchen in Ungarn nach der aktuellen Parlamentswahl skizzierte Görföl im Kathpress-Gespräch zwei Szenarien. Im Falle eines Wahlsiegs von Fidesz sei mit einer Fortsetzung der bisherigen Kirchenpolitik zu rechnen: also die Unterstützung der gesellschaftlichen Rolle der Kirchen und Beibehaltung christlicher Rhetorik. Gleichzeitig habe sich in den Kirchen eine regierungskritische Schicht herausgebildet, teils in Führungspositionen. Ein erneuter Fidesz-Sieg könnte zudem die Auswanderung insbesondere von jungen Menschen verstärken, "nicht zuletzt unter christlichen Jugendlichen", so Görföl.
Gewinne hingegen die Tisza-Partei, müssten die Kirchen zwar keine unmittelbare Gefahr fürchten, jedoch ihre gesellschaftliche Position neu überdenken und sich stärker in Richtung Eigenständigkeit entwickeln. Ein offener Konflikt mit den Kirchen wäre für Tisza jedoch "politischer Selbstmord", analysierte der Theologe, weshalb grundlegende Veränderungen mittelfristig unwahrscheinlich seien. Die Partei sei außerdem konservativ ausgerichtet.
Bedauerliche Verschiebung der Prioritäten
Görföl kritisierte, dass sich unter Kirchenmitgliedern eine Mentalität herausgebildet habe, in der politische und kirchliche Identität oft verschmelzen. "Im kirchlichen Milieu wiegt die politische Identität oft schwerer als die kirchliche", sagte er. Kritik an der Regierung werde stärker geächtet als Kritik am Vatikan oder am verstorbenen Papst Franziskus. Diese Verschiebung der Prioritäten sei bedauerlich. Zudem hätten sich die Kirchenleitungen aus gesellschaftlichen Debatten weitgehend herausgehalten, was ihre moralische Autorität geschwächt habe.
Besonders schwer wiege, dass die Kirchen im kulturellen Leben kaum präsent seien und zu einer "Ghetto-Mentalität" neigten. Umso wichtiger sei die Förderung einer eigenständigen kulturellen Präsenz der Kirchen, betonte Görföl.