Wiener Superintendent Matthias Geist in "Die Furche" über Bonhoeffers Erbe - "Führer und Amt, die sich selbst vergotten, spotten Gottes."
Wien, 03.04.2025 (KAP) Vor 80 Jahren, am 9. April 1945, wurde der evangelische Theologe Dietrich Bonhoeffer (1906-1945) im KZ Flossenbürg von den Nationalsozialisten ermordet. Anlässlich seines Todestags warnt der Wiener Superintendent Matthias Geist vor Vereinnahmungen Bonhoeffers, die seinem Erbe nicht gerecht werden. "Er wusste um Gottes Anspruch in der Welt und zugleich darum, dass er jedem totalitären Anspruch entschieden widersprechen musste", betont Geist in der aktuellen Ausgabe von "Die Furche" (Nr. 14/2025). Zugleich verweist er auf das konsequente theologische und politische Handeln Bonhoeffers, der sich dem kirchlichen und politischen Widerstand gegen das NS-Regime angeschlossen hatte und 1943 verhaftet wurde. Sein Vermächtnis mahne bis heute zu kritischem Denken und verantwortlichem Handeln.
Bonhoeffer habe bereits früh die Notwendigkeit eines radikalen Widerstands erkannt, erklärte Geist. Schon 1933 wandte er sich über den Rundfunk an die Öffentlichkeit und kritisierte die Vergötzung politischer Macht mit den Worten: "Führer und Amt, die sich selbst vergotten, spotten Gottes." Diese Aussage lässt sich laut Geist auch auf aktuelle Entwicklungen - etwa in den USA - beziehen.
Bonhoeffers Gottesverständnis und seine lebensnahe ethische Reflexion machten die christliche Theologie bis heute zukunftsfähig, so Geist weiter: "An ihr werden Kirche und Glaube auch heute gemessen."
Die Theologie Bonhoeffers war aber auch geprägt von einer kritischen Auseinandersetzung mit dem Christentum seiner Zeit. Besonders sein Begriff der "teuren Gnade" betonte die Verantwortung, die der christliche Glaube mit sich bringt: "Billige Gnade ist Gnade ohne Nachfolge, Gnade ohne Kreuz, Gnade ohne den lebendigen, menschgewordenen Jesus Christus." Bonhoeffer habe erkannt, dass diese "teure Gnade" eine Neuorientierung bewirke und "eine bedingungslose Reaktion auf den Ruf Christi" erfordere, so Geist.
Arbeitshypothese Gott
Visionär sei auch Bonhoeffers Forderung nach einer "nicht-religiösen Interpretation" biblischer Begriffe, die er in seinen Gefängnisbriefen entwickelte, meinte Geist. So dürfe sich die Kirche laut Bonhoeffer nicht nur um sich selbst drehen, und auch religiöse Begriffe und Bilder sollten nicht blind verwendet werden. Dadurch sollten die Herausforderungen der modernen Welt ohne "Arbeitshypothese Gott" ernst genommen werden.
Bonhoeffer bzw. sein Erbe sei aber auch ein Opfer von Fehldeutungen geworden, warnte Geist. Gerade in jüngster Zeit werde er für politische Zwecke instrumentalisiert, etwa durch den US-amerikanischen Film "Bonhoeffer. Pastor. Spy. Assassin" (2024), der ihn für nationalistische Agitation und Gewaltbereitschaft missbrauche. "Denn weder theologische noch politische Richtungen dürfen den Anspruch erheben, ihn als Gewährsmann für eine Ideologie zu beanspruchen, die selbst als inhuman und tyrannisch zu bezeichnen ist", warnte Geist.
Bonhoeffers Erbe wurde lange nicht unumstritten gewürdigt. Noch 1956 hielt der deutsche Bundesgerichtshof seine Hinrichtung für rechtens. Erst 2002 erklärte der damalige Gerichtspräsident Günther Hirsch diese Entscheidung als "Justizmord".