Experte im Interview mit "Vorarlberger Kirchenblatt": In Bauwirtschaft und Immobranche auf nachwachsende Materialien wie Holz setzen - Kirche als Wald- und Immobilienbesitzer gefragt
Feldkirch, 03.04.2025 (KAP) Der deutsche Klimaexperte Hans Joachim Schellnhuber sieht noch Möglichkeiten, erfolgreich gegen den Klimawandel vorzugehen und weist im Interview mit dem "Vorarlberger Kirchenblatt" (Nr. 14/2025) auch auf die Möglichkeiten und Aufgaben der Kirche hin. Dies unter anderem deshalb, weil die Kirche ein großer Waldbesitzer ist. Schellnhuber erinnert an die Verabschiedung der Klimaziele in Paris im Jahr 2015: die Begrenzung der Erderwärmung auf unter 2 Grad Celsius, idealerweise auf höchstens 1,5 Grad im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter. 2024 habe man jedoch zumindest die erste der beiden Grenzen durchbrochen, was besorgniserregend sei. Er fürchte zudem, dass man auch die 2-Grad-Grenze überschreiten werde.
Schellnhuber betont im Interview, dass die Bau- und Immobilienbranche einen riesigen Hebel für den Klimaschutz in Händen halte: "Die Bau- und Immobilienbranche kann vor allem in Verbindung mit einer nachhaltigen Waldwirtschaft entscheidend zum Klimaschutz beitragen." Der entscheidende Punkt sei, konventionelle Baumaterialien wie Stahl, Beton, Aluminium und Kunststoffe, die in ihrer Produktion enorme Mengen Kohlenstoffdioxid (CO2) verursachen, durch nachwachsende Materialien wie Holz, Bambus oder Hanf zu ersetzen. Diese organischen Stoffe entstünden durch Photosynthese, bei der der Atmosphäre CO2 entzogen und in den Produkten gespeichert wird. Er nenne das die "Wald-Bau-Pumpe": "Wir entnehmen über die nachhaltige Waldwirtschaft der Atmosphäre aktiv CO2 und speichern dieses in langlebigen Gebäuden und Infrastrukturen ein. Über die nächsten 200 Jahre können wir so das Klima wieder reparieren."
Die Kirche in Österreich und Deutschland sei einer der größten Immobilien- und Waldbesitzer. "Sie hält also gleich beide Hauptelemente der Wald-Bau-Pumpe in der Hand, um bei der Reparatur des Klimas aktiv und praktisch mitzuwirken", so Schellnhuber.
Darauf angesprochen, dass er seit Jahrzehnten vor den Folgen des Klimawandels warnt, räumte Schellnhuber ein, dass solche Botschaften heute nicht besser gehört werden als früher. Es sei paradox: "Je konkreter die Auswirkungen des Klimawandels werden und je näher die Katastrophe rückt, desto mehr verdrängen viele Menschen das Problem." Das liege in der Natur des Menschen. "Wir sind gut darin, akute Krisen zu bewältigen, aber eine schleichende Bedrohung wie den Klimawandel zu erkennen und entschlossen dagegen vorzugehen, liegt uns gar nicht."
Wenn es zu einem Hochwasser oder Waldbrand kommt, reagiere man sofort mit ausgeklügelten Kampagnen. "Politikerinnen und Politiker können sich im Krisenmanagement profilieren und damit Wahlkampf betreiben." Wenn es aber darum gehe, unpopuläre Maßnahmen zu implementieren, deren Wirkung erst in vielen Jahren bis Jahrzehnten zur Geltung kommen, "kneifen die allermeisten". Das gelte aber nicht nur für Politiker: "Wir alle hoffen, dass sich auch die größten Probleme in Luft auflösen, wenn wir nur lange genug warten."
Lob für Papst Franziskus
Lob kommt vom Klimaexperten für Papst Franziskus: "Ich hatte die Ehre, die Enzyklika Laudato si' im Jahr 2015 gemeinsam mit Kardinal Turkson in Rom vorstellen zu dürfen. Papst Franziskus hat mit Schriften wie dieser maßgeblich dazu beigetragen, dem Schutz unseres Planeten innerhalb der Kirche besondere Geltung zu verschaffen." Es sei von großer Bedeutung, den Respekt vor der Schöpfung zu wahren und gleichzeitig zu erkennen, "dass der Mensch tatsächlich imstande ist, dieses Werk zu zerstören - und zwar ohne göttliche Fähigkeiten".
Er befürchte, dass die 2-Grad-Grenze überschritten wird. Die Hoffnung liege aber darin, "dass wir diesen Übertritt so niedrig und so kurz wie möglich halten". In den 1990er Jahren hätte man noch den Klimawandel durch eine bloße Reduktion des CO2- Ausstoßes stoppen können. Doch 30 Jahre kaum gebremste Emissionen hätten die Welt an den Punkt geführt, "an dem wir nicht nur den CO2-Ausstoß so rasch wie möglich auf null senken, sondern auch aktiv CO2 aus der Atmosphäre entfernen müssen". Das sei etwa vor 300 bis 400 Millionen Jahren bereits einmal in der Erdgeschichte gelungen, und zwar über einen ähnlichen Extraktionsmechanismus wie es auch die Wald-Bau-Pumpe wäre. Und zwar von der Atmosphäre in die riesigen Wälder und Moore, die sich durch die geologischen Prozesse in die heutigen fossilen Energieträger Kohle, Öl und Gas verwandelt haben.