Historiker und Journalist Haindinger im Interview mit Wiener Kirchenzeitung "Der Sonntag" über sein neues Buch "... und dann wurden sie Nazis" - Psychologische Mechanismen, die zur Herrschaft der Nationalsozialisten führten, "auch heute noch gleichermaßen vorhanden"
Wien, 03.04.2025 (KAP) Die psychologischen Mechanismen, die zur Herrschaft der Nationalsozialisten führten, sind auch 80 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs in der Gesellschaft latent vorhanden. Das betont der Historiker und Journalist Martin Haidinger im Interview mit der Wiener Kirchenzeitung "Der Sonntag" (Nr.14/2025). Haidinger: "Es wäre ein Wunder, wenn die Epigenetik so ausgeprägt wäre, dass sich die Menschen in heißen 80 Jahren so verändern würden. Also Mechanismen der Massenbeeinflussung, Mechanismen auch des Unterwerfungstriebs, die gab es damals und die gibt es jetzt. Gruppendynamik, das von Heroen und Führern, das hat sich nicht geändert. Und wir sehen jetzt gerade aktuell wieder, dass für die Europäer und damit auch für uns die Ferien von der Weltgeschichte vorbei sind."
Haidinger hat in seinem Buch "... und dann wurden sie Nazis" in jahrelanger Recherche die Geschichte von jungen Menschen zusammengetragen, die sich für die Nazis begeisterten. Er ging der Frage nach, was junge Menschen der 1930er- und 40er-Jahre am "Führer" fasziniert und weshalb sie ihm blindlings in den Abgrund folgten. Haindinger lässt dafür zahlreiche Zeitzeuginnen und Zeitzeugen zu Wort kommen, die ihre Geschichten erzählen.
Im Interview mit dem "Sonntag" hob Haidinger u.a. die Bedeutung von Gedenkveranstaltungen anlässlich des Weltkriegsendes vor 80 Jahren hervor. Solche Veranstaltungen seien eine tragende Säule der Erinnerungskultur, bekräftigte er. "Es ist gut, dass der Hitlergruß verboten ist. Es ist gut, dass das Hakenkreuz zu tragen verboten ist. Aber mit dem ist es nicht getan", so Haidinger.
"Extremismus macht sich nicht an irgendwelchen Braunhemden fest, sondern der entsteht auf ganz anderen Feldern auch", so der Historiker weiter. Sorge bereite ihm vor allem auch "die Explosion von extremistischen, islamistischen Einstellungen ganz generell".
Er wolle aber auch in schwierigen Zeiten hoffnungsvoll bleiben, weil "allein die Tatsache, dass wir hier sitzen und so ausführlich darüber reden und dass Menschen das hören und lesen, schon ein Gewinn ist". Die Zivilgesellschaft sei heute so informiert wie noch nie, unterstrich Haidinger: "Wir haben alle möglichen Nuancen, Schattierungen von Meinungen, von Meinungsäußerungen. So gesehen haben wir die Chance, dass wir uns zusammenraufen können und dass wir zumindest in Vielheit nebeneinander existieren können und einander in höflicher Nichtachtung begegnen, wenn wir einander schon überhaupt nicht ausstehen können."
Buchtipp: Martin Haidinger: "... und dann wurden sie Nazis. Faszination Hitler. Ueberreuter-Verlag 2025
Die Radiosendung "Zwischen Naivität und Überzeugung" auf Radio Klassik Stephansdom mit Martin Haidinger ist online nachzuhören unter radioklassik.at