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Armenisch-apostolischer Bischof Tiran Petrosyan
Bild Copyright: © Kathpress/Paul Wuthe

Bischof Petrosyan: "Hungerblockade" gegen Berg-Karabach beenden

21.04.2023 13:28
Österreich/Armenien/Aserbaidschan/Kirche/Konflikte/Genozid/Gedenken /Berg-Karabach
Wiener armenischer Bischof ruft Österreich zum Handeln auf - "Initiative Christlicher Orient" und "Pro Oriente" schließen sich Appell des Bischofs an - Armenier in aller Welt gedenken am 24. April der Opfer des Völkermordes im Osmanischen Reich
Wien, 21.04.2023 (KAP) Am 24. April jährt sich zum 108. Mal der Beginn des Völkermordes an den Armeniern und weiteren christlichen Gemeinschaften im damaligen Osmanischen Reich. Die Armenier in aller Welt gedenken an diesem Tag in besonderer Weise der Opfer. So hat auch der armenisch-apostolische Bischof in Österreich, Tiran Petrosyan, zum Gedenken eingeladen. Das Genozid-Gedenken stehe heuer aber unter einem besonders sorgenvollen Vorzeichen, so der Bischof im Kathpress-Interview. Er wies einmal mehr auf die aktuelle Entwicklung im Konflikt zwischen Armenien und Aserbaidschan hin. Die Weltgemeinschaft und damit auch Österreich müssten endlich reagieren und Aserbaidschan dazu bewegen, die "Hungerblockade" gegen Berg-Karabach zu beenden.

Aserbaidschan blockiert seit Dezember den Latschin-Korridor, die einzige Verbindung von Berg-Karabach nach Armenien. 120.000 Menschen, darunter viele Kinder, Alte und Kranke, sind seither von der Außenwelt so gut wie abgeschnitten. Es fehle an allem, so der Bischof, der von einer "humanitären Katastrophe" sprach.

Der Internationaler Strafgerichtshof in Den Haag hat Aserbaidschan zur Beendigung der Blockade aufgefordert. Geschehen sei jedoch nichts, so Petrosyan: "Wo bleibt die Weltgemeinschaft, wo bleibt Europa?" Wer bei einer Aggression schweige, verhalte sich solidarisch mit dem Aggressor. Der aserbaidschanische Präsident Ilham Alijew werde so ermutigt, weitere Schritte zu setzen, warnte Petrosyan, der sich auch schon mehrmals an die politisch Verantwortlichen in Österreich gewandt hat.

ICO: Warnung vor sich ausbreitender Gewalt

Dem Appell zum internationalen Einsatz für ein Ende der Blockade des Latschin-Korridors hat sich u.a. auch das Linzer Hilfswerk "Initiative Christlicher Orient" (ICO) angeschlossen. ICO-Obmann Slawomir Dadas plädierte gegenüber "Kathpress" eindringlich für deeskalierende Maßnahmen und eine friedliche Lösung des Konflikts. Aserbaidschan habe mit der Abriegelung des Gebiets um Berg-Karabach den Konflikt weiter angeheizt. Gewalt in einer politisch und wirtschaftlich unstabilen Region könne sich schnell ausbreiten und in die Auseinandersetzung auch andere Länder einbeziehen. Diese Situation müsste alle freiheitsliebenden Menschen zu Friedensinitiativen bewegen.

Im Blick auf den Völkermord an den Armeniern hielt Dadas fest, dass nur die ehrliche Aufarbeitung der Geschichte zu Versöhnung und Vergebung führen könne. Das sei wohl auch der einzige Weg, damit sich Ereignisse wie damals nicht mehr wiederholen. Mittlerweile haben rund zwei Dutzend Staaten den Genozid offiziell anerkannt, darunter Italien, die Niederlande und Frankreich. In Frankreich ist u.a. auch das Hilfswerk "Oevre d'Orient", ein Partner der ICO, im Einsatz für die Armenier sehr aktiv.

Das Österreichische Parlament hat am 23. April 2015 die Gewalt und den Mord an den Armeniern und deren Vertreibung durch das Osmanische Reich als Genozid anerkannt und verurteilt. Auch Papst Franziskus hat das Geschehen eindeutig als Genozid bezeichnet.

Pro Oriente: Verpflichtung zum Gedenken

Für die Stiftung Pro Oriente betonte Präsident Alfons Kloss die Bedeutung des Gedenktags an den Völkermord: "Die massenhafte Verfolgung und Tötung von armenischen und anderen orientalischen Christinnen und Christen im Osmanischen Reich während des Ersten Weltkriegs haben unsägliches Leid über diese Menschen gebracht." Es sei eine bleibende Verpflichtung, hieran zu erinnern und der Opfer zu gedenken, auch nach mehr als 100 Jahren: "Für die armenischen und syrischen Kirchen, mit denen wir heute so gute und freundschaftliche Beziehungen pflegen, war das eine existenzielle Katastrophe." Er sei dankbar, dass die armenischen und syrischen Kirchen heute sowohl in Österreich als auch international als geschätzte Partner für Dialog, Verständigung und Frieden zur Verfügung stehen.

Mit Blick auf den aktuellen Konflikt um Berg-Karabach rief Kloss zur Einhaltung des internationalen Rechts und der getroffenen Waffenstillstands-Vereinbarungen auf, "damit alle Menschen dort auf Dauer frei, sicher und in Frieden miteinander leben können", so der Pro Oriente-Präsident.

Bischof Petrosyan dankte im Kathpress-Interview allen Staaten, Organisationen und Institutionen, die bisher die Geschehnisse im Osmanischen Reich als Völkermord anerkannt und verurteilt haben. Anerkennung bedeute nicht nur eine bloße Annahme der historischen Fakten, sondern auch die Übernahme von Verantwortung. Und nur so sei letztlich auch Versöhnung möglich. Solange ein solches gemeinsames Geschichts- und Verantwortungsbewusstsein fehle, erschwere dies die Verständigung unter den Völkern.

Gedenken in aller Welt und in Wien

Am 24. April 1915 hatten Einheiten der osmanischen Geheimpolizei in Istanbul hunderte armenische Intellektuelle verhaftet und nach Anatolien deportiert, wo die meisten den Tod fanden. Dies war der Startschuss für den Völkermord an den Armeniern und den Massakern an weiteren Christen syrischer und griechischer Tradition. Die Schätzungen reichen bis zu 1,5 Millionen armenische Todesopfer, sowie bis zu weiteren 500.000 Opfern unter Christen anderer Konfessionen.

In endlosen Schlangen ziehen die Menschen jedes Jahr am 24. April zur Gedenkstätte Zizernakaberd ("Schwalbenfestung") in der armenischen Hauptstadt Jerewan. Aus aller Welt kommen sie und verwandeln die Gedenkstätte in ein Blumenmeer. Bis zu eine Millionen Armenier sind es jedes Jahr, die so das Gedächtnis an die Ermordeten hochhalten. Um 12 Uhr läuten in ganz Armenien und in allen armenischen Kirchen in der ganzen Welt die Glocken.

Auch in Wien wird jedes Jahr an die Opfer gedacht. In der Armenisch-Apostolischen Kirche St. Hripsime in Wien-Landstraße findet heuer bereits am Sonntag, 23. April, im Anschluss an den Sonntagsgottesdienst eine spezielle Zeremonie für die Opfer des Genozids statt. Nach der Zeremonie gibt es eine Kranzniederlegung am Genozid-Mahnmal im Hof der St. Hripsime Kirche. Abgeschlossen wird das Gedenken beim Kreuzstein am Armenierplatz im Dritten Bezirk.

Am Montag, 24. April, lädt die Armenisch-Apostolische Kirchengemeinde um 17 Uhr zu einer Kranzniederlegung beim Franz Werfel Denkmal (Schillerplatz, 1010 Wien) ein. U.a. wird der armenische Botschafter in Österreich, Armen Papikyan, Worte des Gedenkens sprechen. - Der österreichische Schriftsteller Franz Werfel hat mit seinem Roman "Die vierzig Tage des Musa Dagh" dem Armeniergenozid ein literarisches Denkmal geschaffen. Ab 18 Uhr findet am Stephansplatz eine Gedenk- und Informationsversammlung statt.
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