Hilfskoordinatorin der örtlichen Franziskaner im Kirchenzeitungs-Interview über die aktuelle Lage gut zwei Wochen nach dem Erdbeben und die von Österreich unterstützten Hilfsmaßnahmen des Ordens in Aleppo
Linz/Aleppo, 22.02.2023 (KAP) Schätzungen zufolge können in Aleppo weiterin rund 200.000 Menschen nicht in ihre Wohnungen zurückkehren. Das schwerste Erdbeben in der türkisch-syrischen Grenzregion seit 1939 hat dramatische Schäden hinterlassen. Darauf weist die Kirchenzeitung der Diözese Linz in ihrer aktuellen Ausgabe hin. Sie berichtet über die Hilfe des Franziskanerordens vor Ort. Die Ordensbrüder hatten auf ihrem Klosterareal in der Stadt Areal nur Schäden an den Fassaden zu verzeichnen und hatten unverzüglich ihren Pfarrsaal und die Gruppenräume, die allesamt relativ sicher im Tiefparterre liegen, geöffnet. Hunderte obdachlose und mittellose Menschen waren nach und nach eingetroffen.
Um gegen die sinkende Wirtschaftsentwicklung und die steigende Notwendigkeit, vor allem für alte Menschen und kinderreiche Familien etwas zu tun, haben die Franziskaner im Sommer 2021 mithilfe des Linzer Hilfswerks "Initiative Christlicher Orient" (ICO) die Großküche einrichtet. 1.200 Mahlzeiten konnten dort zu "normalen" Zeiten mit kräftiger Unterstützung aus Österreich und auch aus Deutschland täglich verteilt werden. Nach dem Beben gehe es jetzt aber um völlig andere Größenordnungen, erklärte die Projektkoordinatorin Roula Mistrih von der katholischen Pfarre St. Franziskus. An Spitzentagen seien mehr als 5.000 einfache, aber warme Mahlzeiten zubereitet und verteilt worden. "An alle, die in Not waren", so die Syrerin.
Die Pfarrmanagerin berichtete im Kirchenzeitungs-Interview davon, dass sie in den Tagen nach dem Beben oft auf jene Handy-App geblickt hatte, auf der weltweit die Routen der aktuellen Flüge als dünne Linien verzeichnet sind. Über der Südwesttürkei sei rasch ein dichtes Netz von Flugbewegungen zu sehen gewesen, während der Luftraum über Syrien eine leere, weiße Fläche blieb: "Das war eine schlimme Erfahrung. Da haben wir uns wirklich von Gott und der Welt verlassen gefühlt", räumte Mistrih ein.
In den Tagen unmittelbar nach dem Erdbeben hätten rund 500 Menschen im Franziskanerkloster übernachtet. Inzwischen hätten manche Familien die Stadt verlassen und seien zu Verwandten gezogen, andere hätten sich nach dem Abklingen der meisten Nachbeben in ihre Wohnungen zurück gewagt. So sei die Anzahl der Nächtigungen im Klosterkomplex deutlich gesunken. Für die Verbleibenden würden die Franziskaner an ihrem zweiten Standort am Stadtrand Wohnkojen in den großen Hallen bauen, die sich dort befinden, so Mistrih.
Obwohl die Nothilfe noch nicht abgeschlossen ist, versuchten die christlichen Kirchen den vielfach geschockten Menschen bereits jetzt eine Zukunftsperspektive zu vermitteln. Die sieben in Aleppo ansässigen christlichen Kirchen haben sich unter Vorsitz des Apostolischen Nuntius Kardinal Mario Zenari darauf verständigt, die Wiederaufbauphase rasch anzugehen.
Die Instandsetzung der Wohnungen werde nach gemeinsamen Standards in Angriff nehmen, erläuterte Mistrih. Seit Tagen seien bereits unter Federführung der Franziskaner Ingenieurteams unterwegs, um die Erdbebenschäden der Häuser und Wohnungen zu begutachten und die Statik der Gebäude zu überprüfen, damit rasch mit den erforderlichen Reparaturmaßnahmen begonnen werden kann. So solle es nach und nach Familien ermöglicht werden, möglichst bald wieder in die eigenen vier Wände zurückzukehren.